S.Fischer 2016
S.Fischer 2016

Uwe Kolbe – Brecht

 

Eine Rolle und ihre Wirkung

 

„Brecht, wenn man sich einließ, baute jeden um“.

 

Sagte Max Frisch einmal. Wobei Brechts Attitüde nun allerdings auch jene war, im größeren Rahmen durch kritische Intellektualität selbst Strömungen hervorzurufen, das größere Gebilde durch Kunst „umzuerziehen“.

 

Oder war diese Haltung nur ein Habitus? Nur eine Selbstinszenierung um vielleicht gar zu verdeckten, dass Brecht im Kern Opportunist war? Ein Egozentriker, der für sich selbst den bestmöglichen Platz sicher einrichtete und damit eben nicht auch künstlerische, humane, kritische „Gegenkraft“ auch zu jener „geschlossenen Gesellschaft“ der DDR sein wollte?

 

An Brecht hat sich Uwe Kolbe schon mehrfach heran-, teils abgearbeitet. Und legt auch in diesem glänzend verfassten Essay seine rote Linie aus, Brecht als fast nur fast reines „Rollenmodell“ zu bewerten. Als einen Habitus, der durch eine zur Schau gestellte Strahlkraft eine ganze Mode quasi prägte.

 

Schwarz gekleidet, giftig-zynisch in der Sprache, kritisch in der äußeren Haltung, doch im Kern nur auf sich bezogen und damit auch ein Trug. Eine Rolle, die, so legt Kolbe ebenso offen, viel mehr „staatstagend“ in ihrer Funktion war, als man meinen würde und viel weniger „kritische Reflexion der DDR“ als man glaubt, auch noch aus dem zeitlichen Abstand heraus, auf die Person Brecht.

 

„Brecht nimmt also, hin und her, greift von Anfang an zu, grabscht dem Lied an die Brust, setzt sich jede Maske auf, unter der der Kleinbürgersohn abtauchen und wild sein kann. Er tut es nicht anders als Schausteller, Schauspieler und populäre Sänger seit je“.

 

Als „Frontmann seiner eigenen Band“ hat Brecht agiert, führt Kolbe aus, unter dem „Management“ der „bekannten Frauennamen“.

 

Natürlich ist da im Buch auch persönliche Enttäuschung zu spüren. Enttäuschung über den eigenen Weg geprägt von diesem Rollenmodell, um dann, später, die Leere hinter den Attitüden umso klarer zu sehen (und damit eben auch die eigene Haltung, dass eigene Auftreten, die eigene Wirkung in Frage stellen zu müssen).

 

Aber Kolbe vollzieht dies durchaus kenntnisreich, überzeugt durch Argumente, vollzieht Handlungen und Haltungen Brechts nach, die seine Sicht der Dinge durchaus untermauern und vom Sprachstil her intensiv, fast aufregend zu lesen sind.

 

Das jenes Verständnis des „Arbeiters“, den es kritisch intellektuell aufzuklären galt, nur ein modellhaftes, ideologisches Klischee darstellte, von Brecht selbst erfunden und erhöht.

 

„Brecht war darin ein Meister, genau darin“.

 

Und das trifft dann auch die Mitstreiter, die Nachfolger, jene, die sich in diesen Dunstkreis hineinbewegten.

 

„Und alle, die seine Prägung sich holten, taten weitgehend dasselbe. Soweit sie Talent hatten….nahmen sie seine Bilder auf und variierten sie“.

 

So findet sich in diesem Buch eine scharfzüngige, fundierte, kritische „Abrechnung“ mit der Person Brecht, aber auch mit dem gesamten Habitus des kritischen Intellektuellen „linker Prägung“, der als im besten Fall reines Rollenmodell, im schlechten Falle gar als „Hilfe für einen verbrecherischen Staat“ gedient hat.

 

 

Gerade weil Kolbe den gesamten Habitus im Blick hat lohnt die Lektüre des Essays ungemein, denn genau diese Haltung war ja nicht nur modisch stilprägend, sondern vor allem politisch massiv bewegend in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Da könnte sich so manches an „Haltung“ und „kritischer Reflexion“ samt mancher „Visionen“ als Scharade erweisen. Unbenommen der künstlerischen Fähigkeiten eines Bertold Brecht und vieler anderer, talentierter Künstler.

 

M.Lehmann-Pape 2016