Droemer 2013
Droemer 2013

Uwe Ritzer, Olaf Przybilla – Die Affäre Mollath

 

Ein bewusstes Versagen des Rechtsstaates?

 

In diesen Tagen wurde der Fall Gustl Mollath wieder aufgerollt und gerichtlich überprüft. Mit dem inzwischen bekannten Ausgang, den Mann noch für zumindest  ein Jahr in der Obhut einer geschlossenen, psychiatrischen Abteilung zu belassen, wie schon in den letzten sieben Jahren. Und das auch dieses Mal mit einer obskuren Begründung in Folge eines nicht erstellten Gutachtens (wobei auch die Nichterstellung zum aktuellen Zeitpunkt eine mehr als unverständliche Begründung erfährt. Vielleicht ist de Blick auf wichtige Wahlen in diesem Jahr hier auch von Bedeutung gewesen?).

 

Eine „Spitze des Eisbergs“ in einem Justizvorgang, der von (nicht nur) der süddeutschen Zeitung kritisch begleitet und stark kritisiert wird. Beide Autoren arbeiten bei besagter Zeitung und sind, das spürt man dem Buch ab, intensiv und fundiert mit dem Fall vertraut. Nicht zufällig natürlich erscheint das Buch zum Zeitpunkt der Prüfung des Falles und bezieht eine klare Position gegen das nun bereits jahrelange „Wegsperren“. Allerdings nicht mit polemischem Unterton, sondern sehr differenziert und sorgsam begründet legen die Autoren die Ergebnisse ihrer Recherchen und ihre Schlüssse aus diesen vor.

 

Das in Bezug auf Gustl Mollath ein „kollektives“ Versagen der Exekutive im Raum steht, das ist für die Autoren erwiesen. Dieses Ergebnis ihrer Recherchen ist für die beiden Journalisten „ohne Zweifel“ und ihre Darlegung ist auch für den Leser überzeugend.

Umso schwieriger ist die Lage nun, nach dem erneuten Urteil gegen Mollath, in dem wiederum wesentliche Punkte des Falles gar nicht erst zur Verhandlung standen. Das gerade ist der „Justizskandal“, der ins Felde geführt ist, denn ebenso wurden bereist im ersten Angang des Falles die Einlassungen Mollaths erkennbar nicht genügend berücksichtigt und ein Dickicht von diversen Gutachten und Anträgen erzeugt, das fast wirkt, als solle unbedingt genau dieses Ergebnis gegen Mollath erreicht werden. Damals wie heute.

 

Vorgänge, die im Buch genauso minutiös dargelegt werden, wie der eigentliche Fall in den Blick rückt, aber auch die Person Mollaths ausgiebig vorgestellt wird.

 

Einerseits finden sich somit hier ein durchaus nicht einfacher, teils sturer Mann, der sich in dem Augenblick gegen seine eigene Frau wandte, in der er ihre am Rande der Legalität (bis darüber hinaus) sich vollziehende Arbeit als Anlageberaterin erst intern, dann immer  lauter auch nach außen hin an den Pranger stellt. Ein Verhalten, dass zum Bruch zwischen beiden und den Übergang hin zum Kampf mit „harten Bandagen“ vor allem von Seiten der damaligen Ehefrau Mollaths darstellte.

Ein Schwarzgeldskandal im Rahmen der Hypovereinsbank, der zudem versehen ist mit einem dunklen Licht. Nicht nur auf eine konkrete Ehefrau und einen Ehestreit, sondern eben auch auf die weiteren Kreise Beteiligter. Die Bank, verantwortliche Politiker, Kunden.

Da bleibt dann nicht nur, sieht man den Verlauf des Prozesses vor Augen, ein „Gschmäckle“, dass Mollath von verschiedenen Seiten her mundtot gemacht werden sollte, da stehen handfeste Indizien im Raum, dass die Behandlung dieses Falles von Beginn an ein bestimmtes Ergebnis hervorbringen sollte.

 

Und das Ganze stellen die Autoren überzeugend dar. Nicht mit Hilfe einer reißerischer Darstellung, sondern gerade eben wegen der Kraft des Buches, Fakten zu benennen und nüchtern Zusammenhänge herzustellen. Wobei es sicherlich am Schwersten wiegt, wie wenig die Einlassung und allein schon die bürgerlichen Rechte des Mannes beachtet und gewahrt wurden (nicht nur bei seiner Enteignung, die fundamentale Rechtsmittel zu Gunsten eines „Opfers“ schlicht ignorierte). Einer, der die „Kreise“ von Finanz und Politik störte und hätte durcheinanderbringen können, wird hier im 21. Jahrhundert kühl mundtot gehalten, ein anderes Ergebnis kann die Lektüre nicht ergeben.

 

Sachlich, fundiert, sorgfältig recherchiert und sprachlich nüchtern und auf den Punkt gebracht, in Form und Inhalt ein überzeugendes Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2013