Gütersloher Verlagshaus 2014
Gütersloher Verlagshaus 2014

Uwe Wilhelm – Ich!

 

Eintreten für die eigenen Bedürfnisse

 

Ein Buch, „das Geschichten von Menschen erzählt, für die Egoismus nicht mit der Rücksichtslosigkeit eines Investmentbankers gleichzusetzen ist…:“, eine Betrachtung anhand vieler konkreter Beispiele, wie der Egoismus einerseits offen ausgelebt wird (von Wenigen) und andererseits moralisch systematisch diskreditiert wird (damit nicht alle auf die Idee kommen, ein Recht auf sich selbst zu haben), das ist, was Uwe Wilhelm in wahrlich klarer, direkter und deutlicher Sprache sich vorgenommen hat und nun vorlegt.

 

Ein Buch, dem man anmerkt, dass es dem Autor „am Herzen liegt“, das mit Emotion und Tempo geschrieben ist. Auch wenn sich vielleicht mancher Leser an manchen Kraftausdrücken und vielfacher Unverblümtheiten im Buch stoßen mag, man kann Wilhelm nicht absprechen, die Dinge konkret und präzise so auf den Punkt zu bringen, wie es seiner Sicht der Dinge entspricht.

 

Dabei geht es im Buch, anders als in gängiger Ratgeberliteratur eben nicht um den „guten Rat“ oder um ein „Training zum Egoismus“ oder eine Veränderung der eigenen Person.

Im Kern führt Wilhelm den Leser durch vielfache Geschichten und Beispiele zu einem „positiven Egoismus“, zum „Eintreten für die eigenen Bedürfnisse“ auch gegen Widerstände, ohne dabei gleich zum Soziopathen mutieren zu müssen. Ein Weg, auf dem Wilhelm nicht müde wird, ein gewisses kulturell-gedankliches Paradox zu benennen:

 

Dass Erfolg auch für die Gemeinschaft oft und oft einhergeht mit egoistischem Handeln Einzelner. Ganz davon abgesehen, dass letztlich oft derjenige gewinnt, der sich eben nicht an die „braven“ Spielregeln hält.

 

Angefangen bei der Beobachtung, dass Egoisten oft erfolgreicher sind als andere und dabei zudem noch mit sich und der Welt im Reinen zu sein scheinen.

 

„Unter sich selbst jedenfalls leiden die Egoisten, mit denen ich gesprochen habe, am wenigsten“.

 

Und warum gelingt es dann der großen Mehrheit so wenig, das eigene Licht leuchten zu lassen? Ist die Sorge vor der Meinung der anderen tatsächlich so viel stärker als die Erfüllung eigener Bedürfnisse, die Angst vor dem Herausfallen aus der einen oder anderen Gemeinschaft das, was das eigene Innere bestimmt?

 

Wilhelm bejaht dies. Die Angst, den eigenen, durchaus vorhandenen Egoismus zu leben und dann „gemieden, ausgestoßen, verfemt zu werden“. Und zudem die Macht der Idealisierung konkreter „altruistischer Haltungen“, bei denen bei genauerem Nachschauen nur wenig wirklich handfest an „Selbstlosigkeit“ übrig bleibt. Selbst bei Mutter Teresa nicht.

 

Gilt viel eher, dass man sich Neid verdienen, Mitleid aber geschenkt bekommt? Und man letztlich vor der Wahl steht, entweder neidisch zu sein (die meisten) oder beneidet zu werden (und das dann aber auch aushalten zu müssen).

 

Eine lesenswerte, wenn auch hier und da zu massiv persönliche, „aus dem Bauch heraus“ verfasste, sprachlich klare, emotionale Betrachtung einer im Wesen natürlichen Ich-Bezogenheit, die massiv „befeindet“ wird und daher in ein „Schattendasein in der Seele“ gezwungen wird.

 

Die „Zeitspanne zwischen Situation und Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse“ zu verkürzen, und dann den Mut zu genau den echten, eigenen Empfindungen und Bedürfnissen zu haben, das ist der Kern dieses Buches (und das, ohne gleich alle anderen einen Kopf kürzer machen zu wollen).

 

„Wer zu lange selbstlos ist, ist irgendwann sich selbst los“.

Und das sollte nun wirklich nicht primär erstrebenswert sein.

 

M.Lehmann-Pape 2015