Integral 2011
Integral 2011

Uwe Woitzig – Hofgang im Handstand

 

Was das Leben wertvoll macht

 

Da ist er. Einer der vielbetrachteten Banker. Nicht einer der ganz aktuellen Krise, nein. Aber einer dieser „Art“. Dessen Lebensgeschichte zeigt, wie „Gier Hirn frisst“. Vor allem aber einer, der erwischt wurde. Betrug in Millionenhöhe, Verurteilung und fünf Jahre Haft.

 

Das sind die dürren Fakten, erst einmal, die allerdings Uwe Woitzig in seinem Buch (das nicht nur autobiographisch Erinnerungen in sich trägt, sondern tatsächlich über dieses persönliche Erleben hinaus Wertfragen stellt und Antwortversuche gibt, die von ganz allgemeinem Interesse und von allgemeiner Wichtigkeit sind) in beredeter Sprache und mit tatsächlichem Tiefgang aufarbeitet.

 

Dabei ist irgendwann bei der Lektüre weniger interessant, was Woitzig als sich bereichernder Banker für eine Persönlichkeit darstellt (obwohl die „Anekdoten“ erhellend und interessant zu lesen sind), viel spannender werden im Lauf der Lektüre jene grundsätzlichen Erkenntnisse und Fragen, die Woitzig aufwirft und die im Untertitel des Buches treffend zur Geltung kommen: „Mein Weg in die Freiheit“.

 

Denn Gefängnis, das heißt für Woitzig eben nicht nur Haft hinter Gittern. „Gefängnis“ findet er (und bei einigem Nachdenken jeder) in fast jedem Leben. Das „eigene Gefängnis“, das man sich baut. „Innere Freiheit“, dies entpuppt sich für Wotzig als das wahre Ziel, der größte Wert. Ein Wert, ein Zustand, den er im „Leben draußen“ auch im Vorfeld seiner Verhaftung nicht wirklich kannte. Trotz aller materieller Möglichkeiten, die sich ihm boten. Und nun die entscheidende Frage, der er im Gefängnis nachgeht. Wie kann er, wo liegt für ihn jene „innere Freiheit“, die ein Leben löst von all den Stricken und Halterungen des verbreiteten „Alltagsgefängnisses“ der Menschen?

 

Fragen, die sich Woitzig ganz direkt auch stellen, denn zunächst berichtet er durchaus ausführlich von seiner Eingewöhnung in die Welt „hinter (sichtbaren) Gittern“ und zeigt schon in diesen Passagen auf, dass er durchaus willens (und fähig) ist, zu reflektieren. Sich das Geschehen, vor allem aber die Menschen um ihn herum genau anzusehen.

 

Sich selbst zudem. Sein bisheriges Leben, Menschen an sich, Werte von persönlicher Bedeutung. Wie einen Ort der inneren Meditation nutzt Woitzig seine Haftzeit, mit klarem Blick auf vieles, was ihm in seinem temporeichen und aus dem Vollen schöpfenden Leben vorher den Blick verstellt hat.

 

„Klammere Dich an Nichts, nicht einmal an Dich selbst“.

Im letzten Kapitel des Buches, dem Anhang, fasst Wotzig seine Erkenntnisse in den Worten des Tantra zusammen. „Vergiss die Gewohnheiten, sie sind Prägungen, aber keine Freiheit“, denn „zur Bewusstheit gehört Freiheit“ und einiges Mehr an klaren Sätzen fassen hier seine Erkenntnisse der Haftzeit konzentriert zusammen.

 

So bildet das Buch einen beachtenswerten und im sprachlichen Stil flüssig nachzuvollziehenden inneren Weg eines Mannes ab, der deswegen so glaubwürdig erscheint, weil Woitzig tatsächlich die verschiedenen Seiten der Medaille kennt. Die Fixierung allein auf das „äußere Leben“ mit allen einhergehenden „Gefangennahmen“ und die Entdeckung de s „inneren Lebens“ mit allen einhergehenden Befreiungen, ohne jede Haftung zu verlieren. Eine empfehlendwerte Lektüre in einer materiell hörigen Welt.

 

M.Lehmann-Pape 2011