Knaus 2014
Knaus 2014

Verena Duregger – Die Pusterer Buben

 

Kampf für Autonomie mitten in Europa

 

Am „Herz-Jesu-Tag“ 1961, in diesem Jahr der 11. Juni, explodieren die Strommasten in Südtirol. Nicht alle, aber viele der Wichtigen. Eine empfindliche Störung der Industrie in Bozen, Meran und Umgebung. Und gewollt. Ein Akt des Aufschreis, könnte man sagen.

 

Um den genauen Hintergrund dieser Aktion zu verstehen, um zu begreifen, warum viele junge Südtiroler diese Art des (letztlich doch ohnmächtigen) Widerstands wählten, muss man um einige Jahre zurück in die Zeit nach dem ersten Weltkrieg, in die entstehenden Ansprüche Italiens auf „das gesamte Land“ hinein, in die mangelnde Sensibilität, ja, die gewollte Unterdrückung der deutschsprachigen Südtiroler mit ihrem Freiheitshelden Andreas Hofer (auf den der „Herz-Jesu-Tag“ ursächlich zurückgeht).

 

Die massive Politik der „51 Prozent Regel“, der Versuch, mit massenhafter Ansiedlung von Italienern aus Süditalien die Kernbevölkerung Südtirols in die Minderheit zu zwingen, mit dem Beharren auf dem Italienischen als einzige Amtssprache. Wichtiger Ausdruck der abwertenden  Behandlung der deutschsprachigen Südtiroler.

Hintergründe, die Verena Düggert ebenso verständlich wie interessant zu Beginn zu erzählen versteht.

 

Verena Duregger ist selbst Südtirolerin. Ganz in der Nachbarschaft eines der damals Beteiligten aufgewachsen. Und wird eines Tages angesprochen vom Bruder eines der Beteiligten, ob sie nicht die Geschichte aufschreiben könnte.

 

Kann sie, will sie und hat sie getan.

 

Mit Gesprächen aus „erster Hand“, mit fundierten Recherchen und einer klaren, sachlichen Sprache macht sie sich auf Spurensuche von vier an den Anschlägen beteiligten, jungen Südtirolern. Den Pusterer Buben.

 

Nicht, ohne die gesamte Atmosphäre der Zeit, die Höfe, Traditionen, Gaststätten in Wort und Bild lebhaft zu beschreiben und damit den Leser ein gutes Stück mit hinein zu nehmen in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts in Südtirol und die Zeiten und Entwicklungen, die darauf folgten.

 

Enrico Oberleitner, Giuseppe (Josef) Forer, Sigfrido (Siegfried) Steger und Heinrich Oberleiter sind Teil der „Sprengtruppen). Und, wie man an den Vornamen bereits erkennt, im Vorfeld bereits „Opfer“ der Italienisierung.

Denn selbst die Namen der Bürger wurden ins Italienische übertragen und dort, wo ein solcher keinerlei Entsprechung gehabt hätte, wurden einfach neue Vornamen erfunden und „zugeteilt“.

 

Die Entwicklung und die Gründe für den stärker werdenden Zorn, die Planungen und Vorbereitungen, die inneren Entscheidungen, der Aufruhr nach den Anschlägen, die Flucht der Beteiligten, das Leben im Exil, die politischen Folgen ebenso, wie die Folgen für die vor Ort gebliebenen, all das findet der Leser sehr konkret und sehr lebendig am persönlichen Ergehen der vier Männer geschildert im Buch.

In Teilen liest sich dabei das real Erlebte dann auch fast wie ein Thriller, wenn es um die Hatz auf die jungen Männer und deren Flucht durch die Berge geht.

 

Eine anregende, informative, sehr gute und plastische Reportage über einen leicht zu übersehenden und selbst vor Ort fast vergessenen Konflikt, von dem allerdings bis heute noch Empfindlichkeiten und Reibungen im Raume stehen.

 

Mit allerdings einem „zu viel“ an „Originalsprache“.

Bei allem Verständnis für die Südtirolerin Duregger und des Bemühens um Authentizität, für nur des hochdeutschen mächtige Leser sind die Dialogpassagen und kurzen Sätze zwischen den Brüdern und innerhalb der Familien doch teils nur sehr mühsam nachzuvollziehen.

 

 

Alles in allem aber eine sehr interessante, informative und flüssige Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014