Heyne 2013
Heyne 2013

Veronika Fischer – Das Lügenlied vom Glück

 

Sich nicht verbiegen lassen

 

Schon der Titel trägt in sich ja bereits hintergründig provozierende Botschaften. In einem Beruf, zu dem auch Schlager gehören (auch wenn Veronika Fischer nie einem einzigen Genre ganz zuzuordnen war und durchaus Vielfalt in ihrem Stil entwickelt hat), die Lieder von Liebe, Romantik und Glück mit der Überschrift eines „Lügendliedes“ zu kokettieren macht neugierig auf mehr.

 

Wenn zudem bei der Lektüre deutlich wird, dass Veronika Fischer nicht nur einzelne „schmachtvolle“ Texte, sondern eine ganze Schlagermusikindustrie samt ihrer unverhohlenen Neigung, „Images“ zu erschaffen mit in den Blick nimmt und „von innen“ her beleuchtet (nicht immer zum Besten der „Macher“ dieses Kulturfeldes), darf der Leser getrost mehr erwarten als eine Lobhudelei mit andächtigen Tränen über die eigene Karriere und „wie viel Glück und Dankbarkeit“ man doch ins ich trägt. Samt Lobesreden auf Manger und andere Mitstreiter.

 

Der Lebensweg Fischers spricht ja von außen betrachtet schon eine andere Sprache. Nicht viele, die so erfolgreich zum „Kultur Establishment“ eines Landes gehören, gehen freiwillig und treten schon zuvor in manche Konfrontation. Und „ganz oben“ war Veronika Fischer in der ehemaligen DDR ja durchaus, vergleichbar vielleicht noch mit einem Frank Schoebel, Manfred Krug oder Armin Müller-Stahl. Auch ein deutsches Schicksal ist es, das Veronika Fischer noch einmal vor Augen führt.

 

Das Leben in der DDR, auch als erfolgreiche Künstlerin nicht einfach, ein Neuanfang im Westen Deutschlands (Ende der 70er Jahre), in dem sie als Künstlerin noch lange nicht so bekannt war, wie in der alten Heimat. Und nicht nur ein Neustart, ein „sich durchbeißen“ steht im Raum, auch der Wert, den Fischer auf ihren Stil, auf ihre musikalische Überzeugung legte und mit dem sie durchaus auch im „freien Westen“ Reibung erzeugte.

 

Ereignisse, von denen Fischer im Buch chronologisch berichtet, ihren Werdegang mit frühen Erfolgen, Höhen und Tiefen, eigenem Stil und eigenem Kopf vor Augen führt. Allein schon, wie sie sich überhaupt eine „eigene Zeit“ solo auf der Bühne erstritt im Rahmen der damaligen Band zeigt auf, das Veronika Fischer früh ihren Weg gehen wollte und sich auch von „spöttischer Ablehnung“ weder entmutigen noch unterbekommen ließ. Ein Weg übrigens, der zumindest mit vielen der damaligen Kollegen (von denen einige bis heute mit gewissem Bekanntheitsgrad noch aktiv sind) in enge Verbindung trat und bleibende Beziehungen entstehen ließ.

 

Auch dies ist ein interessanter Aspekt des Buches, der Einblick in die ostdeutsche, beginnende Rock- und Popszene und die Gratwanderung zwischen Aussagewilligkeit und Zensur, zwischen musikalischer Begeisterung und Einpassung ins damalige System. Einer musikalischen Aufbruchstimmung, in der am Staat nicht vorbeizukommen war (anders als in der Entwicklung Rock- und Popmusik der westlichen Länder). Das aber schon bald darauf im Westen ohne wirtschaftliche Interessen in der Musikindustrie nichts mehr ging und wider klare Vorgaben im Raum standen, auch das erzählt Fischer offen und prägnant im Buch.

 

Alles in allem eine interessante Biographie über eine „deutsche Karriere“ in beiden ehemaligen Staaten und ein durchaus kritischer Einblick in die kommerzielle Musikindustrie.

 

M.Lehmann-Pape 2013