Goldmann 2011
Goldmann 2011

Virginia Ironside – Nein! Ich geh nicht zum Seniorentreff

 

Von den vielen Freiheiten des Älterwerdens

 

Nach ihrem großen Erfolg „Nein! Ich will keinen Seniorenteller“, führt die renommierte britische Journalistin Virginia Ironside nun die Möglichkeiten, Freiheiten und die Qualität des Älterwerdens, ebenso beredt wie mit warmen Humor versehen, weiter aus.

 

Getreu dem Zitat von Jonathan Swift, „Kein Weiser hat sich je gewünscht, jünger zu sein“, nimmt Ironside den Leser mit auf eine vergnügliche, sprachlich ausgereifte, vor allem aber immer den Punkt treffende thematische Reise durch eine Vielzahl von Etappen, kleinen Erzählungen fast, die immer wieder vor Augen führen, dass eines auf keinen Fall zutrifft: Alt zu werden ist nichts, aber auch gar nichts furchterregendes, wenn man erst einmal im Leben dort angelangt ist und mit der rechten Einstellung dem „Herbst des Lebens“ begegnet.

 

Natürlich macht die Autorin keinen Hehl daraus, dass 60 nun eben 60 heißt und nicht „50 plus 10“ und dies alles auch keine Sache des „Gefühls“ ist („Man ist nur so alt, wie man sich fühlt“), sondern eben als anzunehmender und anzuerkennender Fakt im Raume steht. Sie sieht der Tatsache ins Auge, dass die Lebenszeit nun deutlich fortgeschritten ist. Gegen die Verleugnung des Altseins wendet sich Ironside entschieden, das wäre in ihren Augen auch „unfair ihrem früheren Ich gegenüber“. Aber ein Aufgeben, dass ist nun ebenfalls, gut so, nicht im Ansatz ihre Sache.

Altsein ist kein „Tabu“, wie es ihr vielfach in ihrer eigenen Generation begegnet. Aber mit 65 ist man nun mal auch nicht „sehr alt“ oder „uralt“ und so startet Ironside ihre Betrachtungen des erfüllten und durchaus mit wunderbaren Seiten ausgestatten Lebens mit Mitte 60 voller Elan, der sie im gesamten Verlauf des Buches nicht verlässt, ohne zu leger oder oberflächlich in ihren Betrachtungen zu werden. Es ist einfach eine Wohltat, zu lesen und dadurch mitzuerleben, wie Ironside sich einem doch verbreiteten „Jugendwahn“ verschließt.

 

„Mit jenen Altersgenossen, die krampfhaft jung bleiben wollen, kann ich wenig anfangen. Ich  will gar nicht mehr jung sind.“ Eine Aussage, die man der Autorin ohne wenn und aber abnimmt und die so manchen leicht übergewichtigen „60ern“ in ihren hautengen Jeans und den gelifteten Gesichtern ebenfalls gut zu Gesichte stehen würde. Durchaus in die gleiche Richtung lesen sich ihre Ausführungen zur Sexualität, an der zumindest das Interesse der Autorin spürbar nachgelassen hat. Und das mit durchaus nachvollziehbaren und befreienden Entwicklungen, die Ironside treffend zu schildern versteht. Nun muss nicht jedem „Bügeln lieber sein als Sex“, aber vieles von ihren Einlassungen ist in einer übersexualisierten Welt tatsächlich auch für jüngere Menschen durchaus bedenkenswert, denn in alle ihren Worten schwingt jederzeit auch mit, worum es wirklich geht. Nähe. Anerkennung. Wertschätzung. Das Alter befreit eher zu den wichtigen Momenten miteinander, als dass es das vermeintlich „Wichtigste“ einem wegnimmt.

 

Auch bei einem der schwierigsten Themen des Älterwerdens, dem Alleinsein, sei es durch den Tod des Partners oder Trennungen, versteht es Ironside, Mut zu machen, trotzdem sie die Schwere der Einsamkeit nicht leugnet. „Es ist nicht das Ende der Welt“.Auch hier eröffnen sich neue Möglichkeiten in der Neugier, der Selbstfindung und vieles mehr.

 

Virginia Ironside hat wiederum ein mutiges und ermutigendes, von Lebensfreude gefülltes Buch verfasst. Die Einschränkungen und auch unangenehmen Realitäten des Älterwerdens und Altseins verschweigt sie nicht, zeigt aber mit warmer Sprache, einfühlsamen Betrachtungen und einer gehörigen Portion Lebensfreude vielfältige Möglichkeiten, Entwicklungschancen und Kraftquellen für ein gelingendes Alter auf. Ein wunderbares Buch, dass Mut macht, jede Zeit seines Lebens anzugehen und ebenso jederzeit nach den wirklich wichtigen Dingen des Lebens Ausschau zu halten. Das den Leser davon abhält, zu sehr an den „negativen Vorurteilen“ des Alters kleben zu bleiben.

 

M.Lehmann-Pape 2011