Suhrkamp 2015
Suhrkamp 2015

Volker Michels (Hg.) - Hermann Hesse – Die Briefe 1916-1923

 

Umbruch und Neuorientierung

 

Nicht nur, aber gerade auch für Hesse selbst waren die Jahre zwischen 1916 und 1923 Zeiten des Umbruchs. Zeitenwenden durch den verlorenen Krieg, Zerstörung der intellektuellen Hoffnung der Einigung Europas durch die „Dichtkunst“, die Bearbeitung der Zerrissenheiten in seiner Person, die Verarbeitung des „Gesamten“ in einem Roman („Damian“) und die Neu-Orientierung in dieser Welt, all das stand für Hesse „Auf dem Programm“ und all das lässt sich in seiner ausführlichen und breiten Korrespondenz jener Jahre nachverfolgen.

 

Der, der sich 1914 noch dringend hat einberufen lassen wollen für die deutsche Seite des Krieges, beendet diese Phase auch mit einem „Nationenwechsel“, 1923 wird Hesse Schweizer Staatsbürger.

 

Dennoch, gerade die Jahre des ersten Krieges erlebten auch eine andere Fokussierung Hesses. Vom Dichter weg zum „helfenden Organisator.

 

Eine Zeit aber, vor allem, geprägt von privaten Umbrüchen und einer Reflexion seiner selbst. Der Tod des Vaters, die immer klarer zutage tretenden Distanzen zu seiner Ehefrau und die eigene , innere Depression, die immer stärker zu Tage trat. Eine Zeit ebenso, in der Hesse sich in psychoanalytische Behandlung begab.

 

Wichtige Ereignisse und Entwicklungen, die Hesse zwar nicht explizit und breit zum Thema seiner vielfachen Korrespondenz machte, deren Auswirkungen aber im Hintergrund so manches seiner Briefe erkennbar mitschwingt.

 

So passt der Untertitel dieser kommentierten Briefsammlung durchaus in vielfacher Hinsicht, denn „Breschen ins Dunkel der Zeit“ hatte Hesse in mehrfacher Hinsicht zu erleben und selbst zu schlagen.

 

Mit Rückschlägen, durchaus. Denn sein hoffnungsfroher Blick auf den „Neubeginn“ nach Ende des Krieges trübte sich nicht lange danach, sein schriftstellerisches Agieren gegen den „Kadavergehorsam“ vermochte es nicht, sich gegen die „Dolchstoßlegende“ und damit gegen ein rückwärts gerichtetes, unverändertes Denken Gehör zu verschaffen.

 

„Um einen Neubeginn zu wagen, war ein Abschied von allem bisher Überlebten nicht zu umgehen“.

 

Eine überaus spannende und in sich veränderungsträchtige, ,zu sich selbst findende, den „späteren Hesse“ ausprägende Phase also ist es, welche diese Briefe begleiten und deren Befindlichkeiten in ihnen zum Ausdruck kommen (in aller manchmal auch Alltäglichkeit des Schriftverkehrs und der mannigfaltigen Themen und Anlässe, zu denen Hesse seine Briefe schrieb).

 

Von den letzten Kriegsjahren bis zu Hesses endgültigem Neubeginn im Tessin reichen diese Jahre und lassen sich, nicht zuletzt ob der hypnotischen Kraft seiner Sprache und seines konzentrierten, immer auf das genau Gemeinte reduzierten Umganges mit dem Wort in seinen persönlichen Ausdrucksformen jener Zeit finden.

 

Das Buch beginnt „mitten drin“ und führt sofort in die Briefe Hesses ein, die den größten Teil des Werkes ausmachen, bevor zum Ende hin zu ausgewählten Briefen nähere Erläuterungen erfolgen und, ganz am Schluss, ein biographischer Blick auf jene Jahre die entscheidenden Faktoren und Ereignisse jener Lebensjahre erläuternd in den Blickpunkt rücken.

 

„Ich lebe seit langem ganz als Einsiedler und es wird wohl noch eine Weile dauern“.

 

 

Eine sehr zu empfehlende Lektüre, um dem Mann und dem Werk Hesses näher zu kommen und ein Zeitzeugnis über Veränderungen der Welt und der Weltsicht Hesses im Großen wie im Kleinen.

 

M.Lehmann-Pape 2015