C.H.Beck 2014
C.H.Beck 2014

Walter Kirn – Blut will reden

 

Böses Erwachen

 

Ein „Erwachen“ im zweifachen Sinne ist es, welches Kirn in seinem neuen Buch Seite für Seite, zum Teil in der Gegenwart, zum Teil in weit ausholenden Rückblicken, zum Thema setzt.

 

Wie in „Up in the air“ findet sich auch hier, in dieser realen Geschichte, eine Hauptperson (der Autor selbst), der über zunächst längere Zeiten seines Lebens hinweg eines grundlegend nicht angeht: Sich selbst kritisch in den Blick zu nehmen.

 

Zu reflektieren, was man da eigentlich tut, das scheint die Sache Kirns damals nicht gewesen zu sein.

 

Sei es die Hochzeit als über 30jähriger mit einer 19jährigen, sei es sein „so dahin machen“ beruflich (natürlich spricht er immer von dem Buch, was er schreiben möchte, aber zunächst tröpfelt es journalistisch vor sich hin). Eine Haltung, die einfach lebt, was da ist, die durch die Tage träge gleitet und aus der heraus die Idee geboren wird, diesen verkrüppelten Hund nach New York zu bringen.

 

Zwar schiebt der Mann im Buch vor, was gut machen zu wollen an diesem gelähmten Hund, doch nur er selbst merkt nicht, wie lau dieses Motiv eigentlich ist. Weg will er von der jungen schwangeren Gattin, auf Achse sein, irgendwie.

 

Und einen echten Rockefeller natürlich treffen und kennen lernen. Denn dieser hat den Hund adoptiert.

 

Spätestens bei der Ankunft, spätestens schon beim ersten Kennenlernen, allerspätestens aber bei der diskreten Überreichung des Schecks für die Unkosten der Reise (der nicht einmal die Hälfte der tatsächlichen Kosten deckt und auf den Namen des Kontos der Ehefrau ausgestellt ist) und der merkwürdigen inneren Unrast dieses „Clark Rockefeller“ wäre es Zeit gewesen, mal gründlicher nachzudenken. Die Zeichen auch sehen zu wollen.

 

Das aber stellt Kirn in seiner sehr eleganten und treffsicheren Sprache nun wie beiläufig durchgehend heraus: Da will einer Zeichen nicht sehen. Will sich nicht in Frage stellen. Will nicht Schlüsse sogar ziehen müssen aus Erkenntnissen. Sondern lässt sich eben ganz ein auf diese merkwürdige Welt dieses merkwürdigen Mannes, der sich nicht nur als Hochstapler herausstellen wird, sondern noch weit dunklere Geheimnisse in seinem Leben verbirgt.

 

„Im Verlauf der Verhandlung sollte ich noch öfter an dieses irre Wochenende denken, das mir rückblickend als der Moment erschien, in dem ich alle Hinweise klar vor Augen hatte“.

 

Aber wer noch nicht einmal nachfragt, wenn er mit einem Taschengeld für seinen Aufwand abgespeist wird, der wird auch da nicht wirklich hinsehen wollen.

 

„Ich hatte ihn nicht gekannt. Ich hatte alles falsch verstanden. Wenn es auch nicht der härteste Schlag für mich in den vergangenen zehn Jahren war, es war es ….derjenige, der mich am meisten aus dem Tritt brachte…….meinen Glauben an meine eigene Urteilsfähigkeit zerstörte“.

 

Wobei dennoch dieses freundschaftliche Gefühl zu diesem hochstapelnden Auswanderer aus Deutschland sich nicht ganz verflüchtigen wird.

 

Ein „Erwachen“ damit nicht nur im Blick auf den vermeintlichen glitzernden Freund, sondern auch und vor allem auf sich selbst und die Dumpfheit des eigenen Urteils.

 

Dies arbeitet Kirn ganz hervorragend Seite für Seite heraus und verknüpft die innere Entwicklung mit den äußeren Ereignissen und dieser wahren Geschichte.

 

Das liest sich gut, ohne allerdings vollends zu fesseln.

 

Da für den Leser die Dinge nach wenigen Seiten bereits klar liegen, tauchen nur wenige Überraschungen auf, was „den Fall“ selbst angeht.

 

 

Wer aber seine Freude an einem Ausloten der Figuren und  einer differenzierten Erzählweise findet, dem bietet das Buch eine interessante Lektüre über Schein und Sein auf vielen Ebenen.

 

M.Lehmann-Pape 2014