Bloomsbury Berlin 2013
Bloomsbury Berlin 2013

Wendy Plump – Treu wären wir gerne gewesen

 

Die Untreue und ihre Folgen

 

So ganz lässt sich der Titel des Buches im Buchs selbst nicht nachvollziehe. Außer man versteht Wendy Plumps sehr offene und intime Schilderung ihrer Ehe als „Verhängnis“, als „unentrinnbares Schicksal“.

 

Denn weder bei ihren Affären, nicht bei der Anbahnung, nicht bei dem drauflos stürmen, nicht währenddessen sind wirkliche Skrupel erkennbar. Überhaupt Skrupel. Eher eine „freudige Lust“ ist es, die Plump transportiert, wenn sie von ihren eigenen Affären erzählt. Eine Klarheit hier und da schon nach Sekunden und ein „alles dafür tun“ inklusive Abschieben der Mutter in ein Flugzeug, um es ausleben zu können.  Da erlebt der Leser keine Zweifel oder ein hin- und her gerissenes Angehen. Und auch ein starker Zweifel wird von ihr ausgedrückt, ob sie es wirklich anders machen würde, mit dem Wissen heute.

 

Der Tonfall ändert sich natürlich, als sie selbst die Betroffene ist. Und zwar in wirklich härtester Form. Sie erfährt, dass ihr Mann eine Geliebte hat (eine von mehreren im Lauf der Jahre, aber eine, die schon fast ein Jahrzehnt im Raume steht) und mit dieser ein Haus bewohnt und ein Kind hat.

 

Selbst da noch geht sie rein von sich aus. Sie, die in ihren Affären nie eine Grundgefahr für ihre Ehe gesehen hat, sie, die es „beichtet“ und dann wird es (gemeinsam) überstanden, geht natürlich davon aus, dass ihr Mann das irgendwie regelt, für das Kind aufkommt und die eigene Ehe aber weiter geht. Was eine Täuschung zunächst ist.

 

So nimmt Wendy Plump den Leser mit auf diese aufreibende Reise ihrer Ehe mit, für den Leser nicht lange, offenem Ausgang. Und erläutert im Rahmen dieser Schilderungen sehr genau, warum Affären, Untreue für sie fast unumgänglich waren, schildert jede einzelne dieser Affären von Anfang bis Ende und lässt dabei den Leser ebenso ausführlich an der Geschichte ihres Ehelebens teilnehmen. Ihre Schlussfolgerung lautet: Untreue zerstört die Ehe.

 

„Meine eigene Ehe allerdings ging daran zugrunde. Die Affären metastasierten in unserer Beziehung, zerfraßen sie von innen nach außen“. Und auch wenn Plump versucht, differenziert zu schrieben, ganz nimmt man ihr nicht ab, dass sie glaubt, dass andere mit anderen Haltungen das anders erleben können. Auch das Untreue immer herauskommt darf im Übrigen für „alle Untreuen“ dieser Welt durchaus massiv bezweifelt werden.

 

Ob denn überhaupt die Affären diese Ehe belasteten? Oder ob (bei aller Vorsicht bei subjektiven Schilderungen) die völlige Kommunikationsunfähigkeit ihres Mannes, der selbst mit Geliebter und Kind „erwischt“ einfach das Haus verlässt und sich weigert, mit seiner Frau über diese Wendung des Lebens überhaupt zu sprechen nicht das eigentlich Merkwürdige an dieser Ehe ist, auch das wäre zu überlegen. So dass die Affären (zunächst ihre, dann seine) gar nicht „Schicksal“ waren, sondern inneres Erleben einer zutiefst in der Kommunikation einander nicht zugewandten Beziehung.

 

Aber auch das ist Spekulation und in dieser Hinsicht mag sich dann jeder Leser eine eigene Meinung bilden. Trotz der sehr subjektiven Folgerungen, die Plump zieht und der ganz persönlichen Geschichte mit Ehe und Untreue, offen und ehrlich, schonungslos legt Plump Entwicklung und Beziehung offen. Verschweigt weder die eigene Wut, Verletzung, das am Boden zerstört sein noch die eigne Lust und Leidenschaft an fremder Haut. Eine Schilderung, die anspricht. Denn gerade dieses „Ich nehme mir (gedankenlos fast) heraus, was ich selber nicht wirklich ertragen könnte“ macht ja gerade die Dialektik der Untreue aus. Eines „Landes, das jeder kennt, auch wenn es noch nicht jeder besucht hat“. Viele aber waren schon da und können hier aus erster Hand in Ruhe lesen (und bedenken) was da alles mitschwingt und als Essenz eines konkreten Erlebens zurückbleibt.

 

M.Lehmann-Pape 2013