Droemer 2012
Droemer 2012

Wibke Bruhns - Nachrichtenzeit

 

Ein Journalistinnenleben

 

Man täte der Lebensleistung von Wibke Bruhns unrecht, würde man sie nur auf die zwei (vermeintlich) prominentesten Ereignisse in dieser langen Journalistenlaufbahn reduzieren. Weder war sie „nur“ die erste weibliche Nachrichtensprecherin des ZDF noch war sie „nur“ jene Journalistin, die bis spät in die Nacht alleine mit Willy Brandt in einem Hotelzimmer sich aufhielt (mit entsprechenden Folgen der öffentlichen Interpretation dieses Aufenthaltes).

 

Sieht man übrigens diese Nacht im Zusammenhang mit späterer gemeinsamer Zeit mit Brandt (und dessen damaliger Frau, Bruhns erzählt auch von einem gemeinsamen Urlaub), sind die Worte der Journalistin im Buch durchaus glaubwürdig, dass hier keine Form der Liaison im Raume stand. Wie Bruhns in einem Interview sagte, neben der menschlichen Sympathie stand vor allem damals im Raum: „Den habe ich jetzt mal alleine für mich als Journalistin“.

 

Eine Aussage, die viel eher die Nähe von Bruhns zur Politik beschreibt. Professionell, interessiert, politisch aktiv, als Zeitungsjournalistin im Ausland vielfach unterwegs, das sind die spannenden, interessanten Momente, Erlebnisse und Eindrücke, die Wibke Bruhns sachlich-nüchtern, nachvollziehbar und hoch informativ im  Buch beschreibt.

 

Ebenso, wie sie unprätentiös aufräumt mit „alten Gerüchten“, erläutert sie auch nüchtern das zweite (nur vordergründig in der öffentlichen Wahrnehmung) „prägende“ Ereignis ihrer Karriere, die Zeit als erste weibliche Nachrichtensprecherin des ZDF. „Langweilig“ fand sie das Ablesen von Meldungen und wechselte nach einer absehbaren Zeit in den Print-Bereich.

 

Als „Journalistin von Ruf“ dann legt Bruhns im Buch im Blick auf die zweite Hälfte der 70er Jahre  und die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts vielfache interessante, spannende Eindrücke vor. Der Nahe Osten, andere Orte, an denen „die (politische) Luft brannte“. Viele Türen öffneten sich der Journalistin und sie vermag durchaus, die inneren Zusammenhänge, die politisch wegweisenden Entscheidungen und die daran beteiligten Personen intensiv zu erläutern. Ein gutes Stück politischer Zeitgeschichte ist es, welches Wibke Bruhns noch einmal frisch in Erinnerung ruft, samt einer ganzen Reihe persönlicher Eindrücke und Hintergrundinformationen. Eindrücke und Informationen, welche die Lektüre des Buches zu einem Gewinn machen. So bietet sie u.a. einen eindrucksvollen Einblick in die Geschichte des israelisch-palästinensischen Konfliktes und öffnet den Blick für die Härte dieser Geschichte.

 

„Und wenn man mir das Paradies anböte, ich will zurück in mein Dorf“, ist ein Satz aus einem palästinensischen Flüchtlingslager, der zusammen mit den knappen Beschreibungen im Buch ein tieferes Verständnis für die unnachgiebige Gewalt in der Region bis heute eröffnet.

 

Ein wenig persönliche Geschichte (mit Längen) kommt noch hinzu, ergänzt werden die Erinnerungen von Wiebke Bruhns durch hier und da illustrierende Fotografien.

 

Das Buch bietet einen vielfachen Blick auf die „inneren Abläufe“ der damaligen Bonner Politik und ebenso eine journalistische Aufarbeitung des brodelnden Konflikts im Nahen Osten der 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. Nüchtern und uneitel im Stil trifft Bruhns sprachlich immer den Punkt und bietet mit dem Buch eine interessante und informative Lektüre mitsamt einem profunden Einblick in die Zeitgeschichte der kleinen Medienwelt und der großen Politik ihrer Zeit.

 

M.Lehmann-Pape 2012