DVA 2018
DVA 2018

Wieland Wagner – Japan. Abstieg in Würde

 

Sehr genaue und auch über das konkrete Objekt heraus wichtige Lektüre

 

Eine führende Wirtschaftsnation, das ist Japan in gewisser Weise noch, jedoch in keinem Vergleich zu jener Größe, die das Land in den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufzuweisen hatte. Ein „Abstieg“, ein „überholt werden“ von China, Südkorea und anderen asiatischen Staaten, den Wieland Wagner aus erster Hand (und enger familiärer Bindung) miterlebt hat. Den Wagner im Kern auf die demographische Entwicklung des Landes mit zurückführt und damit ein Paradebeispiel für eine alternde Industrienation moderner Prägung im Buch vorlegt.

 

Was besonders bedeutsam gerade für deutsche Leser dahingehend ist, dass die Ähnlichkeiten zwischen beiden Länder-Historien nah beieinander liegen. Beide im zweiten Weltkrieg durch eigenes Verschulden in Schutt und Asche gelegt, beide rasante Aufsteiger der Nachkriegszeit durch Verlagerung der nationalen Kräfte umfassend in den wirtschaftlichen Bereich. Und auch wenn Deutschland bei Weitem (noch) nicht mit ständiger Deflation und stagnierendem Wachstum zu tun hat, was nicht ist, kann (und wird wohl) noch werden.

 

Denn die Ähnlichkeiten der sozialen Probleme, der Überalterung der Gesellschaft, des „an die Grenze kommen“ der Maximen des Wachstums um jeden Preis, sogar die (in Deutschland eher neue, oder, besser gesagt, neu ans Licht kommenden) Ressentiments gegen Fremde schienen in beiden Gesellschaften ähnlich vorzuliegen.

 

Insofern gilt durchaus, dass auf Japan zu schauen bedeutet, die eigene Zukunft drohend vor Augen zu sehen. Und damit vielleicht die Chance zu erhalten, anders gegenzusteuern.

 

Damit nicht ganze Wohngebiete vergreisen, die Gesellschaft nicht massiv schrumpft, die Jungen nicht gefangen sind in einem reinen Arbeitsleben ohne großartige Zeit zur Freizeitgestaltung oder gar für Urlaube, damit nicht (es fehlen schon genug) irgendwann hunderttausende Mitarbeiter in der Pflege und im Gesundheitssystem fehlen, wie es in Japan bereits der Fall ist. Mit all den medizinischen, kulturellen und sozialen Verwerfungen, die all das mit sich bringt.

 

„Damals (vor drei Jahrzehnten) begann die Japan-Blase. Kaum jemand bezeichnete sie allerdings so und kaum jemand schien daran zu zweifeln, dass es immer aufwärts gehen würde mit dem Land“.

 

Was aber noch schwerwiegender zu Buche schlägt ist: „Japan ist weit davon entfernt, eine neue, eigene Vision für das sogenannte postindustrielle Zeitalter zu präsentieren“.

 

Vielleicht ist es tatsächlich einfach so, dass Gesellschaften erst mit dem Rücken zur Wand und dann noch länger benötigen, um zu erkennen, dass althergebrachtes nichts mehr funktioniert und damit die Zukunft immens bedroht.

 

Was Wagner bestens verständlich und griffig am Verschwinden ehemaliger Weltmarken der Technik wie Sharp und Sanyo erzählt. Eine Entwicklung, die auch an Sony (noch allgemein bekannt) nicht spurlos vorüberging und durchaus an Geschwindigkeit noch zunehmen könnte.

 

Ein Absteig, der rasant schnell stattfand. Auch das eine offenkundige Warnung an ähnlich gelagerte Volkswirtschaften, die scheinbar dort nicht gerne gehört werden. Das Motto „uns wird’s schon nicht treffen“ ist aber nach der Lektüre dieses fundiert recherchierten Buches nicht mehr aufrecht zu halten, denn viele Zeichen aus Japan deuten zu sehr in eine Richtung, die auch in Deutschland bedrohlich vor der Tür steht.

 

Mit auch persönlichen Beispielen versehen und mit vielen Kontakten in Japan ausgestattet gelingt Wieland Wagner ein treffender, nachdenklich stimmender Rundumblick. Einerseits auf Japan konkret, im Kern aber auf alle führenden Industrienationen, die mit ähnlichen Problemen langsam zu kämpfen haben und dabei auch soziale Einschnitte und Verwerfungen bereits vollzogen haben. Was, wie man an Japan sieht, nicht die Lösung für das große Ganze sein wird und kann.

 

 

Eine empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2018