Klett-Cotta 2013
Klett-Cotta 2013

William Gibson – Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack

 

Gedanken zu kulturellen „Erscheinungen“

 

„Neuromancer“ war ein breiter Erfolg Gibsons als Scíence-Fiction Autor, eine Romantrilogie, die seinen besonderen Umgang mit der Sprache und seine kreative Auseinandersetzung mit dem, „was kommen könnte“ fassbar in den Raum stellte.

 

Auch mit „dem, was ist“ aber setzt sich Gibson auseinander und einige seiner Aufsätze, Reportagen, Gedanken legt er nun in diesem Buch vor. Gedanken, die durchaus, wie seine Romane, darauf verweisen, dass es die Technik ist, die der Menschheit Veränderungen auferlegt, die den Rhythmus der Entwicklungen bestimmt. Keineswegs unkritisch aber tritt Gibson dem in seiner treffenden, bildkräftigen Sprache entgegen.

 

Explizit im Kapitel „In die Zukunft gedacht“ wendet sich Gibson diesem stetigen technischen Fortschritt zu, der „Grundausstattung des Menschen“, abstrakt zu denken und damit Grenzen zu verschieben. Grenzen, die von „Bildern an der Höhlenwand“ zum perfekt gestalteten Film samt dahinter stehender Industrie werden.

 

Und die Ausbreitung, das Zusammenfließen, die Verschmelzung der einzelnen Medien, die schon begonnen hat, wird in seinen Augen die Zukunft wesentlich gestalten. Aber kann sich dies dann noch lebendig, kulturell und kreativ ausformen oder wird es nur noch eine antiseptische Oberfläche geben, innerhalb derer belanglos und genormt gelebt wird, wie Gibson in „“Disneyland mit Todesstrafe“ als eine Variante der Zukunft beschreibt?

 

„Auf die Science Fiction und die Menschheitsgeschichte stieß ich etwa gleichzeitig“. Und daraus folgte umgehend die Beschäftigung mit der modernen Geschichte, immer aus diesen beiden Quellen, dem Wissen um das Vergangene und den fundierten Blick in die Zukunft hinein. Beides fließt ineinander im Denken und Schreiben Gibsons. In der Gegenwart zeigt Gibson die Spuren der „Quellen“ und lässt die (mögliche) Zukunft sich spiegeln. Gedanken und Ansätze, die sich inhaltlich und sprachlich mit Genuss lesen lassen.

 

„Zeitmaschine Kuba“ gibt dem Leser Einblick in die Wurzeln Gibsons selbst und seine grundlegende Zuwendung für Wells „Die Zeitmaschine“ und damit das „Ende der Welt“. Eine Beschäftigung, die für Gibson austrug, dass er nicht nur die Science Fiction als „Interpretation“ nun bedachte, sondern auch die Geschichte selbst eine „Form der spekulativen Literatur“ in wichtigen Teilen sein könnte.

 

Von „Modernen Jungs und Handy Mädchen“ bis zu „Das Netz ist Zeitverschwendung“ oder die ursprüngliche Entwicklung des „Cyborg“ in seinen Gedanken, breit ist die Palette dessen, was Gibson in vielfältiger Form im  Buch nachdenkenswert und sehr unterhaltsam darbietet, mit einem wichtigen und interessierten Blick nach Japan vor allem, für ihn  eine der Wiegen des technischen Fortschritts.

 

Alles in allem flüssig, sprachlich wunderbar geschrieben und inhaltlich sehr lesenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2013