C.H.Beck 2018
C.H.Beck 2018

William Taubmann – Gorbatschow

 

Umfassende Darstellung von Leben, Werk und Wirkung Gorbatschows

 

Durchweg, das sei vornagestellt, gelingt es Taubmann, konsequent auch Distanz zu wahren (bei aller Wertschätzung Gorbatschows, die aus den Zeilen herausklingt) und damit ein sehr differenziertes Bild dieses Lebens zu erstellen.

 

Dass für Gorbatschows Frau Raissa z.B. die Überlegung, Generalsekretär werden zu können und zu wollen erst im letzten Moment fassbar geworden sein soll (quasi erst am Vorabend der Wahl, direkt nach dem Tod Tschernenkos) ist so eine Stelle im Buch, in der Zweifel des Autors ebenso fassbar werden, wie es für den Leser eher als „Legende“ wirkt, dass dieses Ambitionen Gorbatschows entweder erst „spontan“ geboren wurden oder er sie bis dahin auch vor seiner Frau verborgen haben sollte. Wie auch an vielen anderen Stellen Taubmann durchaus in der Lage ist, offene Fragen im Raum zu belassen und nicht zu glätten oder durch reine Indizienannahmen „erklären“ zu wollen. So kann der Leser durchaus die eigene Fantasie mitspielen lassen und eigene Schlüsse ziehen.

 

Wie aber in vielen anderen Hinsichten auch in dieser akribisch zusammengestellten Biographie, öffnet sich der Blick für Zusammenhänge, die im Lauf der Zeit dem Leser entweder nicht mehr präsent oder schlichtweg hinter andere „Großtaten“ zurückgetreten sind.

 

Dass Tschernobyl eben auch in die Zeit der Führung durch Gorbatschow fiel und eine entscheidende Funktion in der Entwicklung des „Zeitenwenders“ eingenommen hat, dass erschließt sich erst wieder aus der Lektüre des Werkes.

 

Wie der Rückzug aus Afghanistan am Ende „Gorbatschows Sache“ wurde und war, auch wenn hier noch fast alle anderen einflussreichen Politiker der UDSSR mit übereinstimmten.

 

Ebenso, dass zwar die Worte „Glasnost“ und „Perestroika“ von Beginn an wichtig für das Programm Gorbatschows waren, sich die Konkretisierung der Ideen für die Praxis erst im Lauf der ersten Zeit an der Macht ergeben hat.

 

Dass da einer mit offenem Verstand sich entwickelt hat in der konkreten Planung und Umsetzung von Grundsätzen, Idealen und tief verwurzelten Werten hin zu einer tatsächlichen Veränderung der weltpolitischen Lage, die vor Gorbatschow nicht denkbar gewesen wäre. Bei allem wirtschaftlichen Druck, der auch schon vor seiner Zeit als Generalsekretärs im Warschauer Pakt herrschte und der wohl Reformen unumgänglich hat werden lassen.

 

So ist es auch nicht verwunderlich im Rückblick noch einmal ausführlich nachlesen zu können, dass fast von Beginn an Gorbatschow im westlichen Ausland und „beim Volk“ deutlich mehr Anklang gefunden hat, als bei seinen Kollegen im Zentralkomitee oder bei den verbündeten Staatschefs.

 

Dass aber andererseits Gorbatschow fast durchgehend keine kontroverse Haltung offene einnahm gegen eben jene anderen Leitungen verbundener Staaten, auch zuließ, dass bei Neuwahlen (z.B. in Tschechien) linientreue Kader „neu“ die Macht übernahmen, auch das ist aus den vielen internen Protokollen, die Taubmann gesichtet hat, interessant zu lesen.

 

Einer, der andererseits kühl und strategisch geschickt in der UdSSR selbst Gegner, Hardliner, „Reformstörer“ oder in seinen Augen „überkommene Politiker“ aufs Abstellgleis und in den Ruhestand „verschob“. Der sich aber eben nicht selten auch täuschte in angenommenen Loyalitäten und später oft und oft persönlichen „Verrat“ erlebte. Nicht nur, was Jelzin angeht, den er selbst protegiert hatte, bald aber in gegenseitig tiefer Abneigung gegenüberstand,

 

Hierbei gilt, wie für die gesamte Lektüre: Taubman arbeitet sich akribisch durch das Leben und die verschiedenen politischen Perspektiven auf die Person Gorbatschows hindurch. Knapp 15 Seiten Personenregister, die einerseits chronologische Darstellung und die andererseits, je in die Chronologie eingearbeitete verschiedene Sicht nach „Innen“ und nach „außen“, im Verhältnis zu politischen Kräften der UDSSR und des Warschauer Paktes und jenen Politikern der westlichen Welt aufzeigt, ist in  er Lektüre auch eine Frage der Geduld des Lesers. Denn es wird teils überaus kleinteilig. Wobei ebenso der eher trockene, sprachliche Stil einer flüssigen Lektüre nicht unbedingt dienlich ist.

 

Eine Geduld aber, die reichlich belohnt wird durch eine umfassende und breite Sicht auf weltgeschichtliche Entwicklungen, die mit der Person Gorbatschows eng verknüpft waren und bleiben, deren Motor Gorbatschow mit wenigen, engen Vertrauten war und die die Welt tatsächlich, zumindest politisch, grundlegend verändert hat. Auch wenn Taubmann ebenso klar die Schwächen aufzeigt. Das Zögern hier und da, die nicht immer klar durchdachten wirtschaftlichen Neuansätze, das sich Täuschen in anderen und in der Lage, die für die eigene Person Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre entstanden ist.

 

Wie dieser Mann in seiner Kindheit und Jugend und durch was geprägt wurde, welche Situationen und Erfahrungen politisch entscheidend für seine Meinungs- und Persönlichkeitsprägung wurden und was eigentlich „nach alldem“ im Leben Gorbatschows noch stattfand, all dies findet der Leser ausführlich, breit und tief zugleich in dieser Biographie. Der bei allem, so Taubmanns Urteil, ein „anständiger Mann war und blieb“. Mit tiefen Überzeugungen und persönlichen Werten, die, bei allem Fleiß, der zudem noch diesen Haltungen an die Seite trat, einen starken Charakter prägte.

 

Stärken, Schwächen, fester Griff und teils zu lasche Vorgehensweise, aktiv vorantreiben, aber auch von den Entwicklungen hier und da sich überrollt vorfinden und damit ein Getriebener werden, eines war und ist dieses Leben auf keinen Fall. Langweilig.

 

 

Eine sehr zu empfehlende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2018