S.Fischer 2012
S.Fischer 2012

Ally Condie – Die Flucht

 

Die Fortsetzung der gefährlichen Liebe

 

Nahtlos an den vorhergehenden ersten Band der Geschichte um Cassia und Ky anknüpfend, spinnt Ally Condie die Geschichte der gefährlichen Liebe beider in einer bedrückenden Welt, weiter. Da ist „Die Gesellschaft“, „Das System“, das mit klarer und eiserner Hand das Leben beherrscht. Und da sind die Orte „Jenseits der Gesellschaft“, an den äußeren Rändern des Einflussbereiches. Ein Ort allerdings nicht nur geographisch gemeint im Buch (auch wenn Condie ihre Welt natürlich geographisch aufteilt), sondern auch ein innerer Ort, der durch „Die Erhebung“ (noch im vagen belassen), den Widerstand gegen „Die Gesellschaft“ gekennzeichnet ist.

Zunächst aber muss Ky vor allem fast täglich sein Leben verteidigen als Kämpfer der Gesellschaft an den Rändern des Machtbereiches gegen die Feinde des Systems. Wobei sein Tod im Kampf durchaus billigend in Kauf genommen werden würde von „Der Gesellschaft“.

 

Cassie ist nicht nur durch ihre Liebe zu Ky auf ihren Weg geraten. Sie selbst ist es, die über das Gewohnte und Vorgegebene hinausdenkt.

„Ich sehe zu viele Dinge. Das war schon immer so“. Und so gelingt es Ally Condie in ihrer bildhaften und flüssigen Sprache, es als ganz natürlich darzustellen, wie Cassie ihren ganz eigenen Weg sucht. Je mehr sie auf diesem Weg fortschreitet, desto klarer wird ihr, dass es einen Rückweg in die alten Bezüge des Lebens für sie nicht mehr geben kann.

Wobei sie vordergründig zunächst im Buch versucht, ihren Geliebten Ky ausfindig zu. Ebenso lässt Condie den Leser sich durch ihre ständigen Perspektivwechsel an die Spuren von Ky heften. Abwechselnd erzählt sie ihre Geschichte aus der Sicht Cassies und Kys und bietet so beide Entwicklungswege ihrer Hauptpersonen gleichermaßen dar.

Entwicklungen, denen die Autorin immer  wieder neue Wendungen zu geben versteht und die immer für eine Überraschung gut sind. Einfach vorhersehbar ist das Buch nicht und das hält die Leselust durchaus hoch.

 

Die (auch vorhandenen) spannungsreichen Szenen werden im Buch dabei gerade im Mittelteil unterbrochen durch eher „Innenschauen“. Betrachtungen des Lebens, der Kunst, die Entwicklung einer eigenen Lebensphilosophie, die Condie auch durch Gedichte ausdrückt (und in denen die Autorin ebenfalls den Gegensatz zwischen pragmatischer und das eigene Denken möglichst einschränkender Herrschaft und eben der Individualität darstellt).

Die Geschichte um Cassi und Ky ist somit weiterhin eine Abenteuergeschichte, eine Liebesgeschichte, ein Entwicklungsroman, aber auch ein Plädoyer für das Recht auf einen ganz eigenen Weg.

Ein Weg eigener Entwicklung, der auch im wahren Leben oft  damit erst beginnen kann, sich aus manchen starren und mächtigen Vorgaben zu „befreien“, sprich, sich auf die „Flucht“ zu begeben. Eine innere und äußere Ebene des Romans, die durchaus, trotz der eher einfachen Sprache, als roter Faden gerade diese Geschichte der „Flucht“ durchzieht.

 

Nach fortschreitender, innerer Klärung der Protagonisten und der Klärung so mancher Beziehungen untereinander nimmt der Weg, sich aktiv zur Wehr zu setzen, wieder deutlich an Fahrt auf und lässt darauf schließen, dass demnächst für die eigene Freiheit und das Recht auf die eigene Individualität massiv und kämpferisch eingetreten werden wird.

 

Ein flüssig und in sich stimmig zu lesendes Buch, das Lust auf den nächsten Band der Reihe macht.

 

M.Lehmann-Pape 2012