dtv 2017
dtv 2017

Amie Kaufmann, Jay Kristoff – Illuminae

 

Schreit geradezu nach Verfilmung

 

Das erste, das dem Leser ins Auge fällt und die wohl größte (manch anderer) Besonderheiten des Werkes darstellt, ist die äußere Form. Wie ein Puzzle aus Berichten, Chats, Monologen einer KI mit Namen „Aidan“, Funksprüchen zwischen Raumschiffen, comicartigen „Kampfszenen“ (in überaus faszinierender Weise gelöst, ohne auch nur einmal „schrill“ zu werden), Bauplänen, Liebesbezeugungen, Logbucheinträgen und Action-Sequenzen legen die beiden Autoren eine fulminante, temporeiche und spannende Science-Fiction Geschichte vor, in der die Form bestens der Situation und der Szenen folgt.

 

Es benötigt ein wenig Eingewöhnung, so andersartig ist die Form gewählt, dann aber ziehen die Ereignisse den Leser wie einen Sog tiefer und tiefer hinein in das Geschehen.

 

Dessen einzelne Elemente je für sich keineswegs unbekannt sind. Eine Liebesgeschichte im Weltraum, die eigentlich fast schon vorbei war nach diesem Monat des sich Beschnupperns zwischen der 17jährigen Kady und dem jungen Ezra. Dumm nur, wenn das Beenden der kaum entfalteten Beziehung durch einen Angriff eines konkurrierenden Wirtschaftsunternehmens auf den Planenten gestört wird, auf dem die Liebe gerade beendet werden soll.

 

Ganz gut, dass beide gerettet werden und drei Raumschiffe, ein Frachter, ein Forschungsschiff und ein ausgewachsenes Schlachtschiff, sich auf die Flucht begeben. Verfolgt von einem ebenso starken gegnerischen Schlachtschiff.

 

Dumm dann wieder, dass die KI der „Alexander“ eigene Gedanken und Wege geht und die ein oder andere Beschädigung aus dem Kampfgeschehen „mental“ nicht gut vertragen hat (HAL lässt grüßen). Und dumm auch, dass der Angriff nicht nur mit brutaler Waffengewalt erfolgte, sondern auch eine biologische Komponente beinhaltet. Ein Virus, dass befallene Menschen zu trickreichen, rasenden, schnellen und brutalen Raubtieren mutieren lässt (alle Zombiefilme der letzten Jahre stehen Pate).

 

So jagt, sich langsam steigernd, bald jeder jeden und alles. Befallene Menschen nicht befallene Menschen, Hacker die KI, Ezra seine Kady, die er zurückgewinnen möchte (mit wundervoll gestalteten, digitalen „Blumengrüßen“), die „Lincoln“ die „Alexander“, die „Alexander“ alles, was vom Virus befallen zu sein scheint, die „Hyperion“ versucht, zu fliehen, die „Copernicus““ erhält unangenehme „Grüße“ des eigenen Schutzschiffes, der „Alexander“ und der beste Hacker der kleinen Flotte wird irgendwann gar zur simplen Axt greifen, um auf Kabel und Stahl einzuschlagen.

 

Wenn zudem noch, das dauert gar nicht lange, klar wird, dass die beiden Autoren eine ähnliche Haltung Ihren Hauptfiguren gegenüber einnehmen, wie es bei „Game of Throns“ üblich ist, dann weiß der Leser, dass er sich auf wenig bis nichts verlassen kann und auch Hauptfiguren nicht vor der ein oder anderen Öffnung von Luftschleusen gefeit sein werden.

 

Trotz der dichten Handlung, der Vielzahl an Figuren, der teils rasanten, teil ruhig-philosophisch-psychologischen Entwicklung und trotz der zunächst etwas wirr erscheinenden Form verliert der Leser nie den Überblick und bleibt (an der Hand der Autoren) eng am roten Faden der Geschichte.

 

Die aus den vielfachen Impulsen aus Filmen, literarischen Vorbildern und einer ganz eigenen Formsprache (die bis in das absolut gelungene Äußere des Buches hinein durchgehalten wird) ein kongeniales Ganzes erzeugt, dass von der ersten bis zu letzte Seite den Leser fesselt, in den Bann zieht und mit den wichtigen Figuren mitfiebern lässt.

 

Eine andersartige, überaus zu empfehlende Lektüre.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017