Arena 2010
Arena 2010

 

Andreas Eschbach – Blackout

 

Vernetzter Organismus

 

Andreas Eschbach sammelt seine Erfolge mit ähnlichen Sujets wie in diesem Buch seit langem bereits auf zwei verschiedenen Schienen. Zum einen mit qualitativ hochwertigen Thrillern mit jeweiligen Hightech und leichten Fantasy Einschüben, zum anderen, ähnlich gelagert, mit ebenso hervorragenden Jugendbüchern.

 

In diesen ist natürlich Andreas Eschbach ebenfalls leicht an Form und Stil erkennbar, dennoch finden sich, der Zielgruppe angemessen, Unterschiede in der Ausführung. Klarer polarisierte Charaktere und eine direktere, weniger komplex ausgelegte Sprache kennzeichnen so auch das neue Buch von Andreas Eschbach, dass für jüngere Leser geschrieben ist. Ein weiterer Unterschied findet sich in der Konzeption auf Buchreihen gerade im Bereich der Jugendbücher, während er in seinen ausgewachsenen Thrillern bisher in sich abgeschlossene Bücher jeweils vorlegte.

 

Auch „Blackout“ ist der Auftakt zu einer mehrbändigen Reihe.

Christopher, die jugendliche Hauptfigur, war bereits als Kleinkind im sprachlich-mathematischen Bereich hochbegabt und wurde durch seinen Vater, einen Programmierer, früh mit der Welt der Computer bekannt gemacht. In rasanter Geschwindigkeit machte er sich diese Welt zu Eigen und beherrscht die digitale Welt im Schlaf.

Gut so, denn seine Fähigkeiten bewahrten die Familie eines Tages vor immensen Schadenersatzforderungen. Um den Preis, dass sein Virus damals die gesamte Finanzwelt in Unordnung brachte und er mit seiner Familie von Deutschland nach England auswanderte.

 

Doch viel ist seitdem passiert, denn dies alles erfährt der Leser in einfließenden Rückschauen. Zu Beginn des Buches ist Christopher in Amerika auf der Flucht. Eine gezielten Flucht vor allem und allen, die ihm bisher vertraut waren. Sein Ziel ist eine Gruppe von Technik-Aussteigern, denn auch er selbst hat allen Grund, der vernetzten, digitalen Welt zu entfliehen.

 

Ein Chip wurde entwickelt, unter anderem von seinem Vater, der menschliche Gehirne auf direkte Weise mit dem Internet und untereinander vernetzt. Jeder, der einen solchen Chip implantiert trägt, wird Teil eines menschlichen Gehirnnetzwerkes, der Kohärenz. Tag für Tag, Woche für Woche breitet sich diese Kohärenz aus, verbindet Menschen mit sich und schafft so einen völlig neuen Organismus, der die Individualität der einzelnen Mitglieder auslöscht.

Im Lauf der Geschichte wird klar, dass Christopher ebenfalls einen Chip trägt und sich nichts sehnlicher wünscht, als diesen wieder los zu werden.

Andererseits, nur er mit seinen Fähigkeiten besitzt eine geringe Chance, das Unheil einer gleichgeschalteten und Gehirnvernetzten Welt aufzuhalten. Zusammen mit seinen neuen Verbündeten beschließt er, den Kampf aufzunehmen und zunächst seine Eltern, ebenfalls bereits Teil der Kohärenz, als erste zu retten.

 

Wieder einmal gelingt es Andreas Eschbach, sich so haarscharf an der möglichen Realität entlang zu bewegen, dass seine Ideen und Einfälle einen bedrückenden Realismus entfalten. Als studierter Luft- und Raumfahrttechniker sind ihm die Verästelungen der digitalen Welt fundiert geläufig und dies spürt man, wieder einmal, dem Buch ab. Dass er zudem traumwandlerisch sicher in der Lage ist, jederzeit eine mitschwingende Spannung im Raum zu halten und eine hohe Geschwindigkeit vorzulegen, ist die zweite Zutat, die seine Bücher zu einem anregenden Erlebnis gestalten.

Mit einer ähnlichen Grundidee wie sie in diesem Jahr bereits Daniel Suarez in „Dämon“ vorlegte, legt Eschbach dabei den Finger auf die Nachteile einer sich ständig weiter vernetzenden Welt und der drohenden Gefahr des Verlustes der Individualität im Online Leben. Doppeldeutig legt er die Pole offen. Zum einen jener, die bereits als Jugendliche händeringend nach einer Ausstiegsmöglichkeit aus der ständigen Vernetzung suchen und zum anderen jener, die jeden Kontakt mit dieser Welt versuchen, zu fliehen.

 

Trotz der Ausrichtung auf jugendliche Leser in eher einfachem Satzgefüge, überschaubar schattierten Protagonisten und einer klaren Aufteilung in Gut und Böse weiß das Buch durchaus auch erwachsene Leser angeregt zu unterhalten und Impulse für eine Reflektion der umfassend sich ausbreitenden digitalen Welt zu setzen. Empfehlenswert allemal.

 

M.Lehmann-Pape 2010