AAVAA 2012
AAVAA 2012

Annette Eickert – Sträflingskarneval

 

Moderne Druiden im Machtkampf

 

Umgehend inmitten der Handlung findet sich der Leser auf den ersten Seiten des Buches wieder. Ein wenig gewöhnungsbedürftig ist dabei, dass vielfach und in aller Selbstverständlichkeit  vor kurzem geschehene Ereignisse vor einem „internen“  Druidengericht verhandelt werden und so selbstverständlich vorausgesetzt werden, dass der Leser sich umgehend fragt, ob er ein direktes Vorgängerbuch verpasst hat. Dies betrifft zudem nicht nur die konkret zu verhandelnden Ereignisse, in denen der bisherige Großmeister des Ordens seinen Tod fand, sondern auch interne Familiengeschichten und Verbindungen in Freundschaft und Feindschaft der handelnden Personen. Aber man kann es auch mit den Worten der jungen Kimberley, einer der Hauptpersonen des Buches, halten: „Urteile nicht über Dinge, die Du nicht kennst“.

 

Und tatsächlich, nach einer Weile des Einlesens werden die Dinge klarer. Vor allem, wenn man erst einmal bereit ist, eine irische „Untergrundgesellschaft“ mit eigenen Riten, ganz eigenem Lebensstil (samt einer eigenen Gefängnisinsel kurz vor der Küste Irlands) und einem entbrennenden internen Machtkampf als gesetzt anzunehmen. Was nicht ganz so einfach fällt, denn ein wenig vermisst man schon die Bezüge zur „normalen“ Welt drum herum. Letztlich wäre die gesamte Geschichte in ihren Realitätsbezügen doch glaubwürdiger, wäre sie in irgendeiner dunklen Epoche des Mittelalters angesiedelt als in der absoluten Gegenwart.

 

Ein großer Kampf muss es nun gewesen sein, der kurz zurückliegt. Tote auf beiden Seiten, Verräter in den eigenen Reihen, die nun „abgeurteilt“ werden. Unter ihnen auch Aidan, der gar keine Gelegenheit bekommt, sich zu rechtfertigen und sein Verhalten zu erklären, denn letztlich ist er gar kein Verräter (was sich aber erst im Lauf der Ereignisse herausstellen wird).

 

Ryan, der Enkel des ermordeten Großmeisters und Kimberley, seine (zunächst) schwesterliche Freundin, spüren jedoch bald, dass die Atmosphäre im Orden rauer wird, dass Machenschaften im Gange sind, die sich um Macht und Einfluss mehr beginnen, zu drehen, als um das bisher gewohnte Leben der Druidengemeinschaft. (Wobei Ryan immer wieder ein wenig länger benötigen wird, die Zusammenhänge zu erfassen, ein wenig naiv ist er schon angelegt, diese männliche Hauptfigur der Geschichte). Als aber deutlich wird, wie der neue Großmeister des Ordens seine Herrschaft sich gedenkt zu sichern und auszubauen, geraten Ryan, Kimberley und deren Freunde (unter diesen auch der vermeintlichen „Verräter“ Aidan) immer tiefer hinein in das Geflecht aus Intrigen und Gewalt und nehmen einen zunächst ungleichen Kampf gegen die neuen „Machthaber“ im Orden auf.

 

In recht einfacher und modern gehaltener Umgangssprache entfaltet Anette Eickert ihr in sich durchaus schlüssige Geschichte, wobei dennoch zu bemerken bleibt, dass am Anfang doch zu viel einfach vorausgesetzt wird und ein wenig mehr Einleitung in die Geschichte, das Leben der Druiden und die jüngsten Ereignisse wünschenswert gewesen wäre.

In der Charakterisierung der Figuren vermag man Eickert ebenso zu folgen, auch hier mit kleineren Abstrichen, gerade Ryan wirkt zu Beginn des Buches trotz seiner persönlichen, durchaus auch leidvollen, Geschichte recht unbedarft und naiv. Im späteren Verlauf der Ereignisse nehmen allerdings auch die Personen „Fahrt auf“ und entschädigen für einige Ungereimtheiten des Anfangs. Der Eindruck, die Geschichte würde sich besser in mittelalterlichen Bezügen lesen, verbleibt allerdings bis zum Ende der Lektüre.

 

Detailreich in einer fantasievoll gestalteten Handlungswelt, mit lebendigen Personen und durchaus spannend erzählt Annette Eickert mit leichten Abstrichen eine durchaus lesenswerte Fantasy-Geschichte, die nicht nur für ältere Jugendliche eine anregende Lektüre darstellt.

 

M.Lehmann-Pape 2012