Klett-Cotta 2011
Klett-Cotta 2011

Christian von Aster – Der letzte Schattenschnitzer

 

Ehrt Eure Magier!

 

... ruft der Schatten des ganz besonderen Magiers auf den ersten Seiten des Buches dem Leser zu. Ein Schatten, der spricht? Aber ja. Nur mit dem Hören, da tun sich die Menschen enorm schwer. Bis auf einen, eben.

 

Jonas Mandelbrodt. Einer wohl der „siebenten Söhne eurer siebten Söhne“, wie es die Überlieferung ankündigt. Einer aber, bei dessen Geburt weder ein Stern am Himmel leuchtet noch ein Beben aus der Erde drang. „Lediglich der Sohn von irgendwem, der ein Sohn von sonst wem gewesen war“.

 

Doch seine bis dato kettenrauchende Mutter legte alle Zigaretten zur Seite und fasst nie wieder eine an, als sie mit Jonas schwanger wurde. Erste Zeichen einer Magie, die entscheidend für den drohenden Krieg zwischen Menschen und Schatten werden sollte. Die eigentliche Magie des Jonas Mandelbrodt nämlich ist, dass er seinen Schatten hört. Und zwar schon als kleines Kind. Sehr zum  Erstaunen seines Schattens, dort, in der Reihenhaussiedlung einer deutschen Kleinstadt, in der Jonas das Licht der Welt erblickt.

 

Erstaunlich für den Schatten, denn unglaublich lange ist es her, dass die Menschen verlernt haben, ihren Schatten als eigenes Wesen zu sehen, als die Schatten zu Anhängseln, Sklaven der Menschen wurden. Gut nun, dass Jonas Mandelbrodt die Bühne der Welt betritt, denn Dunkles kündet sich an. Ein „Schattenschnitzer“ ist aus der Zeit wiedergekehrt, will die Schatten befreien und dabei die Welt auf den Kopf stellen. Will, dass die Schatten die Herrschaft übernehmen. Der „Rat der Schattensprecher“ ist in Aufruhr, das Gleichgewicht zwischen Mensch und Schatten empfindlich gestört und nur Jonas besitzt die magische Kraft, das Unheil aufzuhalten.

 

Eine einzige Hilfe erwächst Jonas Mandelbrodt, ein Mädchen wird geboren, dass als einziger Mensch keinen Schatten hat. Beide gemeinsam versuchen, die Umtriebe des Schattenschnitzers aufzuhalten.

 

Auch im Druck des Buches selbst ist dieser zugrunde liegende Gegensatz zwischen Licht und Schatten ersichtlich. In wechselnder Perspektiven betrachtet der Leser die Welt durch die fettgedruckten Zeilen der Erzählung des Schattens oder folgt den normal gedruckten Wegen und Erlebnissen des Jonas und erhält Einblick in den „Schattenrat“. Wege und Erlebnisse der beiden Kinder zudem in einer düsteren Welt voller Einsamkeit und „sich verstecken“, aber auch Verrat, falschen Freunden, Ränkespielen um Macht und Einfluss und Verfolgung all derer, die eine Gefahr darstellen könnten.

 

Sprachlich mit hoher Dichte und bildkräftiger Erzählweise öffnet Christan von Aster die Türen zu einer mythischen, ganz andersartigen Welt. Die „Welt der Schatten“ die wie ein Gleichnis der modernen Zeit im Raume steht. Einer Zeit, in der vielfach auch „aus dem Schatten heraus“ Ränke geschmiedet werden um Macht, Reichtum und Einfluss und in der die „Guten“ fast auf verlorenem Posten zu stehen scheinen. Eine Beobachtung, die von Aster allerdings in keiner Weise plump im Buch umsetzt, sondern mit dem Unvorhersehbaren spielt und ganz andere Wege bis zum Ende hin geht als jene, die man als geübter Leser erwarten könnte. In einer ganz anders gestrickten, fantastischen Welt. Manchmal zu abschweifend, verwirrend und sprachlich zu abgehoben, immer aber spannend und mit einem Hintergrund, der entdeckt werden will.

 

M.Lehmann-Pape 2011