klett-Cotta 2015
klett-Cotta 2015

Christopher Tolkien (Hg.), J.R.R. Tolkien  – König Arthurs Untergang

 

Mit ganz eigener Interpretation und „Zungenschlag“

 

Immer wieder kommen, seit Jahrzehnten bereits, Teile von J.R.R. Tolkiens Arbeiten aus seinem Nachlass auf den Markt. Diese lassen sich unterscheiden zwischen jenen „Ergänzungen“, die dem selbst geschaffenen Mythos des „Hobbits“ und des „Herrn“ der Ringe zuzuordnen sind und Texten Tolkiens, die seiner historisch-wissenschaftlichen Arbeit entspringen.

 

Die hier vorliegende Adaption (von der Form her besser „Alliteration“) des Endes der Arthus Saga, des letzten Kampfes und Untergangs des sagenhaften Königs von Camelot gehört in das Interesse Tolkiens an den mittelalterlichen Zeiten und deren Erforschung. Und auch wenn Fans der „Hobbits“ und der Kämpfe um Mittelerde hier inhaltlich weniger auf ihre Kosten kommen, im gesamten bietet das Buch einen intensiven und tiefen Einblick in Tolkiens Gedankenwelt und, vor allem, in seine unglaubliche, dichte und faszinierende Sprachkraft.

 

Wie ein episches Heldenlied aus alter Zeit verfasst Tolkien die Geschichte von Arthus Untergang und setzt ebenso inhaltlich ganz andere Akzente und eine ganz andere Atmosphäre als die „klassische Sage“ Generationen von Lesern vermittelt hat. Auch wenn letztlich sein Text fragmentarisch geblieben ist und vor allem das Ende von Tolkien nicht zu Papier gebracht wurde.

 

Arthus in innerer Nähe zum römischen Reich (er ist auf dem Weg nach Rom, als er vom Aufstand daheim erfährt und umgehend seine Truppen umkehren lässt), die Verhältnisse in England liegen darnieder und versprühen keineswegs die ideale, ritterliche und edle „Heldenkraft“ der Tafelrunde.

 

Soweit Tolkien mit all dem sich auch inhaltlich von der klassischen Sage entfernt, es entsteht auf der anderen Seite der Eindruck, dass er präzise sprachlich und inhaltlich die „Atmosphäre“ jener Zeit der Artus-Sage interpretiert und sprachlich perfekt umsetzt.

 

Der Kampf um eine eigenständige Einheit in Britannien. Raufbolde und hartgesottene Kämpfer statt edle Ritter im „fairen“ Tjost. Allerdings, Gunivera und Lancelot, das dramatische „Traum-Paar“ der alten Sage, wird auch hier eine (allerdings anders als gewohnte) „tragende Rolle“ spielen, wie auch Gawain („Verwandter und Lehensmann, wahrhaft und treu, mein Schutz und Schild, mein starker Rat“) seine allseits gewohnte Rolle im Grunde nicht verlässt.

 

Neben der sprachgewaltigen und ganz eigene Schwerpunkte setzende Versschöpfung J.R.R. Tolkiens (auf den ersten gut 90 Seiten des Buches in englischer und deutscher Sprache nebeneinander gestellt, somit etwa 45 Seiten lang), erweitert Christopher Tolkien den eigentlichen Text um Anmerkungen zum Text und, darauf folgend, um eine Betrachtung des ursprünglichen Gedichtes und der Unterschiede zu J.R.R. Tolkiens Herangehensweise.

 

Ebenso folgen Betrachtungen der (nicht abgeschlossenen Arthus-Gedichtes) weiteren Gedanken Tolkiens zu einer Weiterarbeit und der Beziehungen zum „Silmarillion“ (mit Orten und Namensparallelen, mit der Einarbeitung von Ideen aus der Artus-Saga in den anderen Teil der „fantastischen“ Arbeit Tolkiens.

 

Abschließend vollzieht Christopher Tolkien in detaillierter Betrachtung die Entstehung des Gedichtes nach und gibt damit dem Leser Einblick in die dezidierte Arbeits- und Denkweise J.R.R. Tolkiens, auch wenn dies natürlich aus subjektiver Interpretation Christopher Tolkiens heraus geschieht. Interessant zu lesen sind diese Hintergründe allemal.

 

Wobei doch das Verswerk als solches der eigentlich beeindruckende Teil dieses Buches ist.


M.Lehmann-Pape 2015