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Edgar Allen Poe – Unheimliche Geschichten

 

Kongeniale Neuübersetzung und überaus lesenswert

 

Baudelaire hatte sich zu Zeiten des „Verkannten und Geschmähten“ Schriftstellers Poe, der so absolut „gegen den Strich“ seiner Zeitgenossen schrieb, angenommen. Nicht aus Mitleid, sondern aus Überzeugung.

 

Die damals fünfbändige, kommentierte Übersetzung der Werke Poes ins Französische war zugleich der Startpunkt für die breite Wertschätzung Poes zunächst in Frankreich und von da aus dann in aller Welt. Und, nicht zu kurz gegriffen, der Beginn der literarischen Moderne. Denn Poe ist tatsächlich ein „Zeitenwender“, was seine ganz eigene Art des Herangehens, des Schreibens und der Themenauswahl seiner Literatur angeht.

 

Vom modernen Kriminalroman bis zum Thriller, vom „Schocker“ bis zum tiefgreifenden „ungemütlich-werden-lassen“, all diese Genres gründen auf der intensiven, anderen Art Poes, die Welt “durchscheinend“ für das Beängstigende werden zu lassen.

 

In neuer Übersetzung von Andreas Nohl, sensibel und dem Original überaus treu verbunden bleibend und dennoch mit merklicher Frische für die Gegenwart diese Klassiker der Literatur neu aufbereitend, bietet diese neue Übersetzung eine Lektüre, durch welche die Zeitlosigkeit, die tiefen Grundlagen von Poes literarischem Schaffen noch einmal einen hervorragenden Zugang erhalten.

 

Sei es das „Beispiellose Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall“, sei es eine „Mesmerische Offenbarung“ oder die berühmten „Fakten im Fall von M. Valdemar“ (dem nicht ohne Grund der Name „Voldemoort“ in moderneren Zeiten korrespondiert), in dem die Schwelle zwischen Tod und Leben durch jenen „Mesmerismus“ einer besonderen Probe ausgesetzt wird, der so oft von Poe als Thema genutzt wurde und der, damals wie heute, durch die Kraft der „dunklen Sprache“ den Leser immer wieder in seinen tiefliegenden Existenzebenen trifft.

 

„Ja -Nein – Ich habe geschlafen – und jetzt – jetzt – bin ich tot“.

 

Oder eben, wie es bei „Metzgengerstein“ treffend fast wie ein Überschrift über das Werk Poes heißt:

 

„Grauen und Tod haben in der Welt zu allen Zeiten ihr Unwesen getrieben“.

 

Und Poe fasst genau dieses immer und immer wieder, mal vordergründig, mal hintergründig, in fremdartig anmutende Geschichten, die immer noch, manches Mal zumindest, wie „nicht von dieser Welt“ daherkommen.

 

Wozu eben auch das Lebend es Mannes gehört. Auf das im Anhang, ebenso wie auf Baudelaire, bestens ausführlich eingegangen wird.

 

„Was für eine beklagenswerte Tragödie ist das Leben Edgar Allen Poes! Und erst sein Tod, der schreckliche Ausgang, dessen Schrecken durch die Trivialität noch gesteigert wird“.

 

Was sich im Übrigen genauso gut und tiefreichend liest, wie die im Band versammelten Kurzgeschichten selbst.

 

 

Eine herausragende Lektüre und Neuübersetzung.

 

M.Lehmann-Pape 2017