Blanvalet 2014
Blanvalet 2014

Erik Valeur – Das siebte Kind

 

Wenn die Vergangenheit die Gegenwart bestimmt

 

Es dauert eine ganze Weile, bis der Leser sich in die diversen „dänischen Besonderheiten“ hineingelesen hat, die Valeur nicht nur als  Lokalkolorit atmosphärisch setzt, sondern von denen er eine vor allem als Grundlage des ganzen Romans legt. Mitsamt den vielen fremd klingenden Namen der ebenso vielen, über die Jahre, am Geschehen Beteiligten.

 

Die „Enge des dänischen Denkens“, so könnte man dies am ehesten beschreiben, vor allem jene Bigotterie  Anfang der 60er Jahre, was uneheliche Kinder angeht. Aber auch die Sorge vor Überfremdung und die teils überhart wirkende Reaktionsweise darauf ( ein Ausweisungsansinnen für ein 11jährigens tamilisches Kind und weitere Härten um dieses Kind herum) spielt in die „Gefahrenlage der Gegenwart“ im Buch mit hinein.

 

„Seine Mutter hatte keine Gelegenheit ausgelassen, mit ihm über diese urdänische Heuchelei zu reden“. Eine Heuchelei, die auch in der Gegenwart noch Karrieren zerstören kann.

 

Tausende von alleinstehenden Müttern gaben zu  jener Zeit ihre Kinder zur Adoption frei, „um der persönlichen Schande und Verdammnis“  zu entgehen. „Und die wenigen, die sich gegen Adoption entschieden, wurden in ihrer Umgebung kaum mehr geduldet“.

 

Härten gegen „Alleinerziehende“, die in anderen Ländern, auch zu jenen Jahren, nicht recht vorstellbar sind und waren. Einige der damals im Roman adoptierten Kinder waren im Übrigen „Bastarde“ reicher Männer. Landeten im landesweit bekannten und geschätzten Kinderheim Kongslund, wo „Fräulein Magda“ die Oberhand über Jahrzehnte innehielt und so manches an Geheimnis wohl verwahrte.

 

Doch nun kommt Bewegung in all diese alten Geschichten.

Eine Frau wird tot aufgefunden. Mit sechs merkwürdigen Symbolen um sich herum. Deren Bedeutung lange unklar ist, aber die Lösung des ganzen Dramas in sich tragen.

 

Ein Tod, der keine großen Wellen in der Öffentlichkeit schlägt, aber dennoch Reaktionen nach sich ziehen wird. Zunächst in Form anonymer Briefe an einen wichtigen Politiker. Und an einen abgehalfterten Journalisten, der mit diesem noch alte Rechnungen offen hat.

 

Bedenkt man, wie bekannt Kongslund ist, das ein großes  Jubiläum des Hauses mit versammelter Prominenz ansteht, dass eine Machtübergabe nah bevorsteht und dass der ein- oder andere der Beteiligten nichts so sehr zu fürchten hat, als eine Offenlegung der vergangenen Ereignisse, wird verständlich, dass umgehend eine Jagd entsteht. Auf der einen Seite die nach Klärung der Vorfälle damals in den 60er Jahren und des ein- oder anderen aktuellen Todesfalles  und auf der anderen Seite das Bemühen, alles unter der Decke zu halten und mögliche Beweise zu vernichten (auch wenn man dabei über Leichen gehen muss).

 

Wobei, wie gesagt, es für den Leser auch im weiteren Verlauf der Lektüre nicht ganz so einfach ist, dieses unbedingt Bedrängende an der Situation zu entdecken, die Frage nach „Leben und Tod“ mit recht eigenartigen gesellschaftlichen Tabus der Vergangenheit so eng zu verknüpfen. Auch wenn andere Motive noch mit hin zu treten werden, auch wenn Kinder teils als „Lieferung“ bezeichnet werden und ihr späteres Leben damit zusammenhängt.

 

Auch die Sprache Valeurs stellt sich in all dem als nicht unbedingt temporeich heraus, sondern eher breit erzählend, Atmosphären und Moral schildernd, bringt er die Geschichte eher langsam voran.

 

Gelungen allerdings ist vor allem der einfühlsame, psychologische Teil des Buches. Da, wo Valeur seinen Personen nahekommt und sehr gründlich das Innenleben lebendig werden lässt.

 

Wo eines der Kinder, Marie, mehr und mehr in den Mittelpunkt der Schilderung rückt. Eine erwachsene Frau mittlerweile, die dunkle Eigenarten in sich zu tragen schient, vor allem aber auf irgendeine Weise den Schlüssel zur Auflösung all der Verwicklungen in sich zu tragen scheint.

Vor allem, was es mit den „sieben Zwergen“, sieben Kindern, die zur gleichen Zeit in Kongslund auf eine neue Familie warteten, auf sich hat.

Ein Buch im Übrigen, das ein bitteres Ende aufweisen wird.

 

 

Alles in allem eher ein psychologischer Roman, der eine konkrete gesellschaftliche Enge und deren Folgen zum Thema nimmt denn ein psychologischer Thriller, gründlich geschrieben und langsam zu lesen.

 

M.Lehmann-Pape 2014