S.Fischer 2012
S.Fischer 2012

Glen Duncan – Der letzte Werwolf

 

Treibjagd

 

Jake Marlowe wird gejagt. Was ihm zunächst durchaus eher als Erleichterung, Erlösung vorkommt denn als Belastung. Seit fast 200 Jahren ist er ein Werwolf und lebt nun zu einer Zeit, in der seit langem bereits neue Werwölfe nicht mehr entstehen. Die gebissenen Menschen überstehen das verwandelnde Virus einfach nicht mehr.

 

Graine ist Jäger. Kopf der weltweiten Organisation für (vor allem eigentlich gegen) okkulte Phänomene, WOKOP. Während man sich bei WOKOP mit Vampiren längst arrangiert hat geht es den Werwölfen seit über hundert Jahren unerbittlich an den Kragen.

So sehr, dass Jake der letzte seiner Art ist.

 

Da eben jener Jake, aus dessen Perspektive fast das ganze Buch (bis auf das Ende) erzählt wird, Graines Vater „gerissen“ hat, hat er keine Gnade zu erwarten. Der beste Jäger der WOKOP hat sich Jakes Kopf für sich ganz alleine ausbedungen. Natürlich nicht in den Zwischenphasen, sondern nur dann, wenn Jake verwandelt ist.

 

So stellt sich die Situation zu Anfang des Buches dar. Ein Buch, das, anders als beispielsweise „Interview mit einem Vampir“, direkt, klar, teils mit brachialen Gewaltschilderungen temporeich vor sich hin fließt. Und einen zynischen, leicht abgewrackten Protagonisten mit nihilistischen Neigungen in den Mittelpunkt rückt, dessen Charisma sich der Leser kaum entziehen kann. Weniger eben eine epische Geschichte der Werwölfe steht im Mittelpunkt des Geschehens (auch wenn einige Rückblenden in die Lebenszeit Jakes einiges erläutern), sondern die Treibjagd. Die Finten. Die, zunächst, kühle Verzweiflung Jakes, der seinen Tod fast herbeisehnt. Die Einkreisung durch die Jäger.

 

Bald aber wird deutlich, dass noch ganz andere Interessensgruppen im Spiel  mitspielen. Das Vampire ein ganz eigenes Interesse an Jake haben, ebenso, wie manche Forscher der WOKOP oder auch ein ganz einfach liebeskranker junger Mann. Mehr und mehr ändern sich die Voraussetzungen, beginnt Jake, seine Selbstmordgedanken zur Seite zu schieben und andere Pläne zu verfolgen, immer mit dem Hauch der Jäger im Nacken. Aber Jake findet Hilfe, die ebenfalls nicht lange verdeckt bleibt und umgehend mit in Gefahr gerät.

 

In einem temporeichen, harten, direkten Stil erzählt Glen Duncan seine spannende Geschichte mit durchaus Anklängen an Bret Easton Ellis in „American Psycho“ (Duncan erwähnt das Buch auch direkt), die sich deutlich in Stil, Aufbau und Tempo abhebt aus der Masse an Fantasy-Literatur. .Zumindest  die breit geschilderte Gewalt trieft geradezu vor Blut, wie auch die sexuellen Szenen sich „kein Blatt vor den Mund“ nehmen.

Andererseits bietet Glen Duncan durchaus eine ganze Reihe überraschender Wendungen im Lauf seiner Geschichte und verbleibt so nicht Eindimensional bei einem reinen „Blutbad“. Ein wenig lang geraten sind die teils zu breiten „Innerlichkeiten“ und „Philosophien“, mit denen sich Jake Marlowe ein ums andere Mal im Buch beschäftigt, welche hier und da den ansonsten klaren und temporeichen Fluss der Geschichte eher stören als ergänzen.

 

Im Gesamten legt Glen Duncan (nach den vielen Vampirromanen der letzen Jahre) ein spannendes, teils hartes, weitgehend temporeiches Buch über „die andere Seite“ der okkulten Figuren, der Werwölfe vor, dass in Stil und Inhalt eine anregende und gut umgesetzte Lektüre darstellt.

 

M.Lehmann-Pape 2012