Heyne 2010
Heyne 2010

Guillermo del Toro, Chuck Hogan – Das Blut

 

Endzeit in New York


Der bekannte Regisseur und Drehbuchautor Guillermo del Toro und der ebenso bekannte Thriller Autor Chuck Hogan schicken ihre kleine Gruppe Aufrechter nach „Die Saat“ in die zweite Runde ihres Kampfes gegen Vampire und das drohende Ende der Welt.

 

Wie auch in anderen literarischen Traditionen beruht ihre Idee des Vampirismus in einer das Blut befallenden, viralen Seuche, die durch einen Biss übertragen wird. Anders als in anderen Traditionen sind ihre Vampire keine bleichen Schönlinge und ebenso dienen hier auch nicht spitze Eckzähne als Beißwerkzeuge. Dies allerdings sind dann auch schon die wesentlichen Unterschiede und Neuerungen, die die als Trilogie angelegte Reihe des modernen Weltunterganges durch Vampire zu bieten hat.

 

Ein Flugzeug landet in New York, dessen Passagiere durch den Vampirvirus infiziert sind, unaufhaltsam breitet sich die Seuche in rasender Geschwindigkeit aus und nimmt den Befallenen so gut wie alles an Menschlichem und Persönlichem, was sie im Leben ausgemacht hat. Befördert wird die Ausbreitung durch die ignorante Haltung der staatlichen Stellen, die selbst dann den Tatsachen nicht bereit sind, ins Auge zu sehen, als die Straßen New Yorks immer weiter entleert werden und das öffentliche Leben fast völlig zusammenbricht. In ähnlicher Weise geschieht diese „Übernahme“ auch an vielen weiteren, wichtigen Orten der Welt. Der ehemalige Chef der New Yorker Seuchenprävention Ephraim Goodweather und die eigentliche Hauptperson des Romans, Professor Abraham Setrakian, kämpfen mit einigen wenigen Getreuen einen fast aussichtslosen Kampf gegen den Meister der Vampire, ein uraltes und mächtiges Wesen und dessen sich ständig vermehrende Heerscharen an Vampiren. Ein mysteriöses Buch über die Entstehung der ersten Vampire könnte die Wende bringen, doch dies in den Besitz zu bekommen scheint ebenfalls unmöglich zu sein für die aufrechten Retter der Welt, die sich bald von allen Seiten eingekreist und bedrängt sehen.

 

Im Stil merkt man dem Buch vor allem die Handschrift del Toros an. Szenisch aufgebaut, übersichtlich angelegt, mit klar erkennbaren Erzählschichten und Spannungsbögen sieht man quasi den Film bereits vor Augen und ahnt das Drehbuch hinter den Seiten des Romans. Vampire als teils geist- und intelligenzlose Monster (die Fußtruppen) bieten ein dankbares Ambiente leichter Opfer für coole Helden im Kampf, der Meister und sein engster Kreis andererseits wiederum stellt sich als gereift, intelligent und kaum zu fassen dar.

Erweitert durch einige Rückblenden aus dem Leben des alten, jüdischen Professors Setrakian fügen dann noch eine Lagergeschichte aus der Nazi Zeit hinzu (immer dankbare Bösewichte in Hollywoodfilmen) und bringen das mythische Elemente des schon lange währenden Kampfes gegen den Meister der Vampire mit hinein.

 

Alles in allem eine durchaus anregende, leidlich spannende Melange, die professionell geschrieben und konzipiert einher kommt. Solide Unterhaltung ist auf jeden Fall damit in den Raum gesetzt, Mit einem dennoch ins Gewicht fallenden Manko. Das Buch bietet eine Menge an Versatzstücken altbekannter Elementen des Vampir- und Spannungsgenres, aber reinweg nichts wirklich Neues. Fühlt man sich an einer Stelle an die kulturell genussreichen Vampire von Anne Rice erinnert (in Amsterdam, diesmal), taucht an anderer Stelle Carpenters bilderreicher Vampirvernichtungsfeldzug auf (diesmal unter anderem in der U-Bahn New Yorks). Auch die Charaktere im Buch erleben kaum eine wirkliche Entwicklung. Der alte und körperlich schwächer werdende Professor, der sorgende Familienvater Goodweather (Nomen est omen), der minderjährige Sohn in der Zerreißprobe, der geerdete Kämpfer, sie alle treten in sattsam bekannter Form ihren Kampf an.

 

Solide Unterhaltung mit keinen neuen Impulsen, für Zwischendurch und für Vampirliebhaber durchaus kurzweilig, aber ohne Langzeitwirkung (und demnächst sicherlich auch im Kino um die Ecke als Film zu betrachten).

 

M.Lehmann-Pape 2010