J.R.R. Tolkien – Die Legende von Sigurd und Gudrun

 

Die Edda durch Tolkiens Augen

 

Der Professor für Sprachen (Altenglisch und Altnorwegisch) hatte schon früh ein Faible für alte Sagen, Überlieferungen, Texte. Überlieferungen, in denen sich grundmenschliche Erfahrungen von Gut und Böse, vom Kampf des Lebens gegen Feinde und unwirtliche Umstände, niederschlugen. Eine besondere Affinität hatte Tolkien zur Edda, der altnordischen Sage, die als Grundmuster und Blaupause in Kernelementen auch in das deutsche Nibelungenlied mit eingeflossen ist.

 

Nun wäre es eine Täuschung (und später Enttäuschung), in diesem nun, aus dem Nachlass Tolkiens durch seinen Sohn bearbeiteten, Buch eine in sich abgeschlossene Abenteuergeschichte  wie den kleinen Hobbit oder den Herrn der Ringe vorzufinden. Die Welterfolge Tolkiens waren nicht Druckerzeugnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit und persönlichen Faszination, sondern beruhten auf diesen als ausformulierte Geschichten mit ihrem fundierten und mit tief wissendem Hintergrund in der alten Sagen- und Mythenwelt verankert.

 

Aus dem Nachlass des großen Meisters entnimmt sein Sohn eine Neu-Übersetzung der altnordischen Saga, die Tolkien durchmischt mit anderen Völkermythen wie dem Nibelungenlied. Wobei, und das ist das spannende an diesen Notizen und machen sie zu einem echten Tolkien, es sich um interpretierende, teils freie Übersetzungen und Zusammenstellungen durch den Professor handelt. Diese gießt er wiederum in Verse, so dass der Kern des Buches aus eben jenem Versepos aus der Hand Tolkiens besteht, ergänzt und erläutert durch Kommentare und Hilfen zum Verständnis durch seinen Sohn.

 

Inhaltlich versucht Tolkien vor allem, Lücken der alten Überlieferungen zu schließen. So begleitet Tolkien Siegfried (Sigurd) in der Zeit nach der Tötung des Drachen bis hin zum Racheschwur Brunhildes. Ebenso widmet er sich Kriemhild (Gudrun) nach dem Tode Siegfrieds. Beides Momente, die in den verschiedenen Kulturen in späteren Zeiten ebenfalls ergänzt und hinzugedichtet wurden, die allerdings in den zugrunde liegenden Mythen keine Erwähnung finden. Und anders als die bekannten Geschichten setzt Tolkien seine Akzente. Die Mutter Kriemhilds speilt eine wesentlich entscheidendere Rolle, der später Mann Krimhields, Atilla (Atli) erfährt ein anderes Schicksal.

 

Gerade die Form macht eine Bewertung des Buches schwer. Sprachlich versiert und mit fundiertem Wissen bietet Tolkien in wunderbaren Versen seine Version der altbekannten Geschichten dar. Letztlich aber stellt die Legende von Sigurd und Gudrun kein Buch im gewohnten Tolkien Sinne dar. Eher finden sich hier in Stil und Ausdruck zwei Versepen, die im kleinen Hobbit und im Herrn der Ringe ihren Platz als Lieder gefunden hatten.

 

Wer sich darauf einzulassen vermag, wird von Tolkien tatsächlich dann aber, prachlich meisterhaft und inhaltlich mit neuen Schwerpunkten, in den Bann gezogen und auf eine Lesereise der ganz anderen Art geschickt werden. Zudem werden auf dieser Lesereise Elemente in den Raum treten, die später von Tolkien aufgenommen wurden. Nicht nur altnordische Sagen also, sondern auch Wurzeln und Anregungen für Tolkiens Welterfolge liegen in seiner Arbeit an der Edda und dem Nibelungenlied vor Augen.

 

M.Lehmann-Pape 2010