Goldmann 2012
Goldmann 2012

Die komplette Trilogie in einem Band

 

John Twelve Hawks verhält sich als Autor genauso, wie er es seinen Protagonisten im Buch anraten würde. Absolut anonym. Wie kolportiert wird, hält er selbst zu seinem Verlag und seinem Lektor Kontakt nur durch ein nicht zu ortendes Sattelitentelefon.

Ob dies einer echte Phobie oder nur einem „Markenimage“ geschuldet ist, sei dahingestellt.

 

Dieses Verhalten jedenfalls eröffnet durchaus umgehend einen Weg in seine Traveler Geschichten hinein. In Anlehnung an die Gedanken George Orwells entwirft Hawks in seiner epischen Geschichte eine Parallelwelt, in der die Gruppe der „Tabula“ mittels technischer Überwachung die Welt zumindest kontrollieren, besser noch, beherrschen. Jeder Bürger dieser Gesellschaft wird umfassend auf allen möglichen technischen Weg überwacht. Durch Kameras, Peilsender, Röntgengeräte, durch Sensoren und so manches mehr (was in der Realität im Übrigen überwiegend tatsächlich bereits weitgehend möglich ist).

 

Den Tabula gegenüber stehen einige wenige „Propheten“, deren größte Kraft darin besteht, das Bewusstsein vom Körper abspalten zu können und in andere Parallelwelten zumindest geistig wechseln zu können. Ihre Sache ist die der individuellen Freiheit, die sie sich als Prophetenriege seit langer Zeit auf die Fahnen geschrieben haben und innerhalb derer sie ihre genetisch bedingten Fähigkeiten von Generation zu Generation weitergeben. Diese (kleine) Gruppe, die letzte Bastion der persönlichen Freiheit, nennt sich „Traveler“.

Ihnen gehörten die beiden Hauptpersonen der Trilogie, die Brüder Gabriel und Michael, an. Brüder der Herkunft nach, aber nicht „im Geiste“, denn beide stehen nun auf den verschiedenen Seiten sich gegenüber. Michael ist ein Tabula geworden. Mehr noch, Michaels Ziel ist es, die Führung der Tabulas zu übernehmen. Gabriel demgegenüber kämpft mit den Travelern und ihren wenigen Getreuen seinen  Kampf gegen den Verlust der Freiheit.

 

Die Geschichte eines Kampfes, die Hawks aus wechselnden Perspektiven, vornehmlich denen der beiden Brüder und deren Parteien schildert. Ansonsten entwickelt sich dieser Epos mit einer großen Prise fernöstlicher Mystik und Weisheit, mit Aliens, die irgendwann auftauchen werden, mit Weltenwanderungen zwischen „Sphären“, die durchaus auch zu verwirren verstehen im Ablauf der Handlung und ebenso mit einer Vielzahl von Elementen eines Abenteuerromans und der „Quaste“ (beginnend damit, dass ein Wettlauf der Brüder entsteht um den eigentlich für tot gehaltenen Vater zu finden), wie auch der des „Bruderkampfes“. Natürlich findet auch eine Liebesgeschichte als einer der roten Fäden Aufnahme in das Buch.

 

In direkter Weise bildet Hawks allerdings vor allem bestehende Realitäten ab, die er, gut recherchiert und detailliert dargestellt, in diese überhöhende abenteuerliche Geschichte mit einfließen lässt. Wie den Travelern selber geht es ihm um den unabdingbaren Wert persönlicher Freiheit und individuellen Lebens gegenüber einer Gesellschaft, die mittels Kameras, Datenvorratsspeicherung, biometrischen Ausweisen und vielem mehr die Menschen in ihr möglichst „gläsern“ gestalten möchte. Dies ist die eigentlich interessante Seite der Darstellungen. Zu sehen, was und wieweit es jetzt schon möglich wäre, eine umfassende Bobachtung und Überwachung der Menschen in den westlichen Zivilisationen durchzuführen.

 

Das Buch ist ein Plädoyer für die individuelle Freiheit in einer immer stärker vernetzten und überwachten Welt, das (mit einigen Längen) abenteuerliche mit weisheitlichen Elementen mischt und so durchaus für eine anregende Unterhaltung sorgt, die Geduld des Lesers aber teilweise auch ganz schön fordert.

 

M.Lehmann-Pape 2012