Fischer 2011
Fischer 2011

Jan Wallentin – Strindbergs Stern

 

Eine Reise durch den Mythos zum Nordpol

 

„Ich wollte eine Geschichte schreiben, die sich dem Leser entzieht, wollte ihn über den weiteren Verlauf im Unklaren lassen“.

So sagt es Jan Wallentin in einem Interview zum Buch und genauso ist ihm dieses fulminante Debüt gelungen. Ein Buch, dass sich nicht nur immer wieder dem Leser entzieht, sondern dass auch virtuos mit verschiedenen Genres spielt und Grenzen variabel zu setzen vermag.

 

Ein Anch-Kreuz, geformt wie eine Hieroglyphe und ein fünf-strahliger Seba Stern, dies entdeckte Sven Hedin vor Zeiten in Dandak Oilik, der versunkenen Stadt. Zwei mythische Symbole aus unbekanntem Material, die, der Legende nach, den Eingang zur Unterwelt kennzeichnen. Beide Symbole sind verschwunden, nachdem Niels Strindberg, sie für eine Weile besaß und den Ort fand, auf den die Symbole hinweisen.

Diesen Hintergrund erfährt der Leser allerdings erst später im  Buch.

 

Zum Einstieg wird zunächst durch einen Taucher in einem alten, gefluteten Bergwerksstollen eine bestens erhaltene Leiche und das Kreuz gefunden. Eine Leiche, die seit Jahrzehnten dort verharrt und durch einen chemischen Vorgang im Wasser bestens erhalten blieb. Die Leiche eines Selbstmörders.

Was also wie ein Krimi beginnt, verlässt umgehend wieder die Pfade eines Mordes (folgerichtig spielen auch die zunächst ermittelnden Polizisten keine weitere Rolle mehr im Buch) und entfaltet sich zu einem umfassenden  Roman mit ungewohnten und ebenso wenig einfach einzuordnenden Figuren.

Der Taucher, der das Kreuz fand, ein haltloser, nach Aufmerksamkeit ringender Mensch, bringt die eigentliche Hauptfigur des Buches mit ins Spiel.

Don Titelmann. Jude. Aufgewachsen an der Seite einer Großmutter, die eine verzehrende Faszination für mythische Symbole der Nazis entwickelte, die auch den jungen Don damals beeinflusste und die er zu seinem eigenen Forschungsgebiet als Psychologe machte. Soweit er noch in der Lage ist, zu forschen, heißt das, denn sein wichtigstes Utensil ist eine kleine, braune Tasche voller verschreibungspflichtiger Medikamente.

 

So, wie Don Titelmann in Teilen fast betäubt durch seine Medikamente durch die Geschichte geht und sich damit seiner Umwelt, dem Umfeld, den Geschehnissen entzieht, so ist dies ein treffendes Bild für diese vielfach gewundene, immer Aufmerksamkeit erfordernde und dabei  in den Bann ziehende Geschichte insgesamt. Kaum hat man den Eindruck, nun zu wissen, dass es um eine großangelegte Verschwörung neuer Nazis geht, wird sinnigerweise auf Himmlers Wewelsburg deutlich, dass zwar durchaus eine geheime Gruppe einen wichtigen Part in der Geschichte um Kreuz und Stern spielt, deren Wurzeln beileibe aber weiter (und anders) zurückreichen als das dritte Reich. Das Sonnenrad der Wewelsburg weist in eine ganz andere Richtung, als man gemeinhin denkt.

 

So entsteht, für Don Titelmann ungewollt, eine klassische Queste, die Seite für Seite mehr zum jenem mythischen Ort in der Nähe des Nordpols drängt, den Niels Strindberg per Heißluftballon zu Zeiten entdeckt hatte. Eine Suche, bei der Don Titelmann von seiner Schwester, dem Hackergenie, lebend unter einer alten U-Bahnstation und von Eva, seiner Anwältin, unterstützt und begleitet wird. Eine Suche mit überraschenden Funden, als man am Ziel anlangt.

Außergewöhnlich gezeichnete Figuren, eine sich immer wieder neu orientierende Geschichte, die dabei nie im Vagen verbleibt und doch ein ums andere Mal die Fantasie in falsche Richtungen lockt und daher beständig zu überraschen vermag.

Eine Reihe nur angedeuteter Erklärungen oder auch bildlichen Beschreibungen, die Raum für breite Assoziationen und die Fantasie des Lesers lässt, ergeben tatsächlich über lange Strecken eine sich entziehende Geschichte voller Magie, Okkultismus und Mystik, die den Leser beständig in ihrem Verlauf in den Bann zu ziehen vermag.

Auch sprachlich hat Jan Wallentin zudem seine Geschichte hervorragend umgesetzt, so dass hier ein pures und intelligentes Lesevergnügen im Raume steht, dem man die ein oder andere Länge durch monologische Erläuterungen gerne verzeiht.

 

M.Lehmann-Pape 2011