Heyne 2013
Heyne 2013

Joe Hill – Christmasland

 

Der Kampf gegen uraltes Böses

 

In seiner epischen Breite, der einfachen, flüssigen und direkten Erzählweise und in seinem Thema des Kampfes eines (auch schwachen) „Guten“ gegen das alte, bis in die Knochen verdorbene „Böse“ erinnert dieser Mysterythriller an die großen Klassiker des Genres.

Stephen Kings „Es“ oder „Christine“ (mit direktem Bezug, denn auch in diesem Thriller wird ein Auto ein mörderisches Eigenleben entwickeln). Oder an den „Talisman“ und andere Werke Peter Straubs, in denen die unverdorbene Kraft junger Menschen auf das knöcherne Böse trifft.

Trotz des Umfangs, das Buch liest sich wie aus einem Guss, umfasst in der Geschichte eine lange Zahl an Jahren (1986 bis in die Gegenwart hinein) und begleitet die Entwicklung der Protagonisten, gerade der Hauptperson Victoria „Vic“ („das Gör“) Mcqueen, vom Kindheitsalter an im kleinen Nest Haverhill bis in das erwachsene Leben. Protagonisten, die ihre Stärken und Schwächen besitzen, die nicht einfach stereotyp gezeichnet sind.

Vic hat eine Gabe. Gebunden an ihr schnittiges Fahrrad. Sie kann finden, was verloren ging. Indem sie über eine (eigentlich nicht existente) alterschwache Brücke über einen Bach fährt. Wobei sie eines Tages (denn Vic ist kein einfaches „liebes“ Mädchen) nichts Verlorenes sucht, sondern einfach nur „Ärger“ um des Abreagieren willen finden will.

Und den findet sie. Mehr, als ihr lieb sein kann. In einem verfallenen Haus. Welches Charls Manx III. gehört.
Kein Mann, sondern eher ein "Wesen". Das für sein bis dato 115 Jahre währendes Leben das Leben von Kindern braucht. Die er nach „Christmasland“ bringt. Mit seinem Helfer Bing (der dafür die Mütter der Kleinen „genießen“ darf). Sobald es nach Lebkuchen riecht, ist Gefahr im Verzug.

Mitten in eine Kindesentführung hinein platzt Vic mit ihrem Fahrrad. Und ist ab nun im Blick des Wesens. Der festgenommen werden wird. Wegen Vic. Der Jahre im Koma verbringt.  Jahre, in denen Vic erwachsen wird. Hart. Beschädigt. Und selbst Mutter werden wird.

Doch Charles Manx vergisst nicht. Ebenso wenig, wie Bing seinen Traum vom Leben im Christmasland begraben wird. Ebenso wenig, wie der alte Rolls Royce „Wraith“ sein Eigenleben verlieren wird.

Und so wird Vic als erwachsene, vom Leben gebeutelte Frau, ein neues Gefährt finden müssen, dass ihre Verbindung zu jener Brücke wieder herstellt. Denn eines ist klar im Verlauf der Lektüre, irgendwann wird sie sich Charles Manx und seinen „Kindern“ stellen müssen.

Auch wenn das Sujet sattsam bekannt ist, hat Hill mit diesem Roman eine weitere Version des klassischen Kampfes gegen Dämonen und des „gut gegen böse“ liefert, in seiner stringenten Erzählweise steht „Christmasland“ anderen epischen Werken des Genres nicht nach und liest sich von der ersten bis zur letzten Seite spannend, flüssig und mit einem wachen Blick für die innere Entwicklung seiner Figuren und einem ständig präsenten, lange Zeit hintergründigem Grauen, dass sich zum Finale des Buches hin ungehindert Bahn brechen wird.

 

M.Lehmann-Pape 2013