Goldmann 2016
Goldmann 2016

Justin Cronin – Die Spiegelstadt

 

Großartiger Epos zum Ende der Trilogie

 

Da ist diese Szene, in der die Präsidentin dem heldenhaft verehrten Peter eine Karte zeigt. Der Plan, vor den Toren der Stadt drei neue Siedlungen zu errichten, die durch „Virals“ völlig zerstörte und weitgehend menschenentleerte wieder so in Besitz zu nehmen, wie es vor dieser brutalen und grausamen Zäsur der Fall war. Schritt für Schritt.

 

„Aber er war auch müde. Ein wichtiger Teil seiner Energie war versiegt. Er hatte genug getan, und was er sich jetzt wünschte, war ein ruhiges, einfaches Leben“.

 

Also sagt er erst einmal  (zu aller Überraschung) „Nein“ zum angebotenen Posten des Stabschef.

 

Beide, Peter und die Präsidentin gehen, mit unterschiedlichen Konsequenzen, davon aus, dass das explodierende, noch immer nachbebende Finale im Kampf der Amy gegen die 12 das Ende der Virals bedeutet hat.

 

Wo überhaupt Amy seitdem ist, ob es sie noch gibt, was aus Alicia geworden ist, aus manchem der anderen der Gruppe derer, die den Kampf bis aufs Blut geführt haben, all das ist in diesen nun seit einiger Zeit beruhigten Jahren nicht bekannt, nicht mehr klar.

 

Möge Frieden einfach einkehren und die inneren und äußeren Wunden soweit wie möglich verheilen.

 

Abe alle äuschen sich. In fast allem „Zero“, der „Schöpfer der Vals“ ist durchaus noch lebendig und bereitet seinen Plan vor. Die Welt ein für alle al zu übernehmen. Gefahr zieht auf, Gefährten werden zusammenkommen, sich aber auch auf verschiedenen Seiten begegnen. Es wird gestorben werden, es wird gesiegt und verloren werden.

 

In einer Art des Schreibens, die zwar näher an Stephen King denn an J.R.R. Tolkien ausgerichtet ist, gelingt Cronin mit diesem dritten band wiederum und in noch höherer, kaum zu steigernder Qualität, ganz Eigens. An der Welt, die er schafft. Mit diesem unglaublich differenzierten Sprachstile, der die nüchterne Sachlichkeit auch bei blutrünstigsten Ereignissen ebenso spielend beherrscht, wie die kraftvollen, poetischen Bilder, die den Leser unmittelbar emotional berühren und nicht mehr loslassen.

 

Wenn Alicia eine kleine Grube aushebt.

Wenn der Blick eines der Protagonisten über die Landschaft gleitet und Cronin jeden Millimeter Stimmung vom Licht über die Natur bis zur Person hin einfängt und flüssig vermittelt.

 

Wenn er dann (es wird lange dauern, bevor alle „Spieler“ an ihren Plätzen sind und die eigentliche Herausforderung beginnt) alle losen Fäden der ersten beiden Bücher zunächst zusammenführt, die Geschichte des „Zero“, der einmal der Wissenschaftler Timothy Fanning war mit großer Geduld und breit erzählt, dabei aber an Intensität überhaupt nicht nachlässt.

 

Jede Szene, jede Episode im Großen Ganzen geht Cronin dabei mitgleicher, grünlicher Betrachtungsweise an. Das mag als „Längen“ empfunden werden, aber jedes Ereignis hat seinen Sinn im Ganzen und die sprachliche Qualität ist gleichbleibend hoch, so dass keine Seite der Lektüre „verschwendet“ wirkt.

 

Wenn er den Leser nicht nur „auf“ die Personen und Handlungen schauen lässt, sondern „in die Personen“ hineinversetzt, im Kleinen (die Geburt eines „nicht legalen“ Kindes“) und im Großen (wenn fast Schlachten toben), dann ist jederzeit de Akribie Cronins zu erkennen, auch kleinen Schweißtropfen ein stückweit so nachzugehen, dass der Leser fast die Feuchtigkeit im eigenen Gesicht spürt.

 

Es mag alles Geschmacksache sein, aber zur Zeit steht Cronin in seinem Genre mit diesem Buch ganz oben in der Gilde der illustren Fantasy-Horror Geschichtenerzähler und geht dabei weit über die an sich schon fließenden Grenzen dieses Genres hinaus.

 

 

Ein hervorragendes Buch, überragend verfasst.

 

M.Lehmann-Pape 2016