Goldmann 2012
Goldmann 2012

Justin Cronin – Die Zwölf

 

Überzeugende Fortsetzung

 

Schon zu Beginn löst Justin Cronin den Wiedereinstieg für Leser des „Übergangs“ und den Neueinstieg für Leser, die den Vorgänger nicht gelesen haben sollten, kreativ und gut. In Form einer „heiligen Schrift“ fasst Cronin die Ereignisse, die Amerika „heimgesucht“ haben und zum (fast) Aussterben der menschlichen Rasse dort geführt, zusammen. Ebenso zeigt er auf, was es mit den „Zwölf“ auf sich hat und in welcher Rolle die (ebenso fast) unsterbliche Amy mit ihren, im Vorläuferband neu gewonnenen, Freunden aus der "Kolonie" zu all dem steht.

„Virale“ nennt Cronin seine ganz eigene „Vampirart“, welche durch militärische Experimente an den zwölf „Urvätern“ nunmehr vor knapp 100 Jahren die fast absolute Herrschaft über Amerika gewonnen haben. In der Entwicklung zurückgeworfen kämpfen die wenigen menschlichen Enklaven um ihr Überleben und den Wiederaufbau in kleineren Gemeinschaften.

Doch Großes, Gefahrvolles, Mächtiges steht an, eine Wandlung in der Welt der Virale. Vorbereitet durch ganz besondere Helfer, die ebenfalls am unsterblichen Blut eines Virals partizipieren und eine neue Stadt erbaut haben, in der gewöhnliche Menschen in Lagerhaft und nur zu Arbeitszwecken (und hier und da als „Futter“) gehalten werden.

Doch einige der Freunde aus der Kolonie haben überlebt, eine sogar in dieser neuen Stadt. Schritt für Schritt finden sich die alten Weggefährten wieder zusammen und machen sich unter Gefahren durch zerstörte Natur und wildernde Virale auf, den Zwölfen, die nur noch Elf sind, die Stirn zu bieten.

Intensiv erzählt Cronin von dieser Queste und fast spielerisch gelingt es ihm, die endzeitliche Atmosphäre und die fast Aussichtslosigkeit des Kampfes gegen den völligen Untergang an den wenigen, kleinen Stellen der Hoffnung umso deutlicher und bedrohlicher zu spiegeln. Brutal ist der Kampf, blutströmend die Begegnungen mit Viralen, traumatisch für jene, die Überleben und ihre Toten zu beklagen haben, aber sich auch verzweifelt fragen, was mit den Verschwundenen geschehen ist.

Ereignisse, in denen einige der Protagonisten sich in eine Richtung entwickeln werden (gerade Amy betrifft das), die lange Zeit völlig unvorhersehbar im Raume mitschwingt. So auch bei Alicia, erst Kind, dann Frau, dann auch Viral oder doch beides zugleich? Was wird am Ende ihrer inneren Veränderung stehen?

Sowohl was die bildliche Beschreibung des untergegangenen Amerikas angeht, als auch, was konkrete Kampfsequenzen oder die Entwicklungen der Beziehungen der Protagonisten beider Seiten untereinander angeht, versteht es Cronin, den Leser in die Geschichte hineinzuziehen und ihn über das gesamte Buch hin nicht wieder auszulassen.

Mit Anklängen an Kings "The last Stand", was die Dezimierung der Menschen in einer apokalyptischen Welt durch militärisches Forschen ausgelöst angeht, an Tolkien, was die Gefährten und ihre gefahrvolle Reise zur neuen Stadt, dem Zentrum des Bösen angeht, mit Anklängen an Grundvampireigenarten, die doch ganz anders im Buch umgesetzt werden, lässt Cronin viel an Genretradition mit einfließen und komponiert doch eine ganz eigene Welt in seinem ganz eigenen Stil und Ausdruck.

Immer wieder gelingt es ihm zudem, offene Fragen an den Horizont zu malen, die den Leser begleitend beschäftigen. So allein schon der Versuch Michaels, auf einem Segelboot den Horizont zu erreichen. Denn es geht das Gerücht, dass der Rest der Welt auch 100 Jahre nach Auftreten der Virals noch existiert und nur Amerika durch Minen und Sperrgürtel quasi unter Quarantäne abgetrennt wurde.

Doch bevor zu solchen Ufern aufgebrochen werden könnte, stehen noch harte Aufgaben des Kampfes im tiefsten Winter an. Mit, für alle Beteiligten, höchst ungewissen Ausgang. Vor allem, wenn man sich an Cronins Eigenart aus „der Übergang“ erinnert, auch Sympathieträger hier und da nicht zu verschonen.

Allezeit durchdacht, spannend, mitreißend und emotional dicht zeigt Cronin in seiner epischen Trilogie auch im zweiten Band keine Schwächen. Eine hoch empfehlenswerte Lektüre für alle Liebhaber des Genres.

 

M.Lehmann-Pape 2013