dtv 2011
dtv 2011

Kevin Brooks – Iboy

 

Superman und Batman waren gestern

 

„Das Handy, das meinen Schädel zertrümmerte, war ein 32 GB IPhone 3 GS“.

 

Mit diesem ersten Satz des Buches werden die Weichen zum Titel gestellt. Wer nun allerdings denkt, dass durch ein herabsausendes IPhone samt Schädelbruch die Hauptfigur des Buches, Tom Harvey, 16 Jahre alt, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, das Buch bereits nach dem ersten Satz wieder durch den Tod des Protagonisten beendet  ist, hat sich, natürlich, getäuscht.

 

Tom überlebt den Unfall, wird operiert, aber nicht ganz wieder hergestellt, wie er vorher war. Ein Teil des IPhones verbleibt in seinem Gehirn und das bleibt nicht ohne Folgen. Kräfte wachsen ihm zu, die er im weiteren Verlauf des Buches gut gebrauchen kann. In seiner Welt der Trabantenstadt, da, wo Gewalt an der Tagesordnung ist, wo ihm nahestehende Menschen diese Gewalt massiv am eigenen Leib erleben müssen, da ist es ganz hilfreich, über unbeschränkten und gehirndirekten Zugang zum Internet sowie einige andere besondere Kräfte (Stromschläge austeilen zu können kommt ihm in diversen, gefährlichen Situationen des Buches ebenfalls äußerst zupass) zu verfügen. So macht sich Tom umgehend in zweiter Identität als „IBoy“ auf den Weg, den Gegner die Schranken zu weisen.

 

Bis zu diesem Zeitpunkt folgt der Plot, sprachlich versiert zu Papier gebracht, gängigen Mustern jugendlicher Helden und bedient durchaus die entsprechende Zielgruppe. Spannenderweise folgt Brooks dieser Ausgangssituation im weiteren des Buches nicht in ungebrochener und undifferenzierter Weise, sondern erinnert in der inneren Entwicklung Toms ein wenig an „Spiderman 3“. Bezüge zu Spiderman tauchen im Buch auch direkt auf, gerade da auf, wo Wegweichen entstehen. Wenn Lucy, die Freundin von Tom, ihm frank und frei erzählt, wie sehr sie den „feigen Jungen“ hinter Spiderman, Peter Parker, mag (und weniger den Superhelden im  Kostüm), da wird deutlich, das Brooks gedenkt, für sein eher jugendliche Publikum tiefer zu schürfen als nur mit einem Hau-Ruck Superhelden zu winken.

 

Da, wo sich auch die dunklen Seiten der Person beginnen, zu rühren. Wo „IBoy“ nicht nur edel, hilfreich und gut die Seinen schützt und die Bösen angeht. Als er in seiner Superheldenpersönlichkeit gar jemanden tötet, gerät er in massive Zweifel.

 

Flott und leicht verständlich geschrieben mit kreativen Ideen ob der Ausstattung seines Helden mit besonderen Kräften im Zuge der Smartphoneeroberung der Jugend, verbindet Brooks die aktuelle, digitale Welt der Jugendlichen mit dem ebenso aktuellen und drängenden Problem der Gewalt in den Städten und verweist doch auf die alte und immer neu wichtige Frage, wie man zu sich selber findet. Auch, wenn dies bedeutet, hier und da feige und schwach zu sein. Auch, wenn das bedeutet, eben im wahren Leben kein Superheld zu sein, dafür ein echter Mensch mit Stärken und Schwächen. Auch wenn Tom im Finale des Buches noch einmal alle Härte zeigt und befürchtet, dass sein Herz endgültig erkaltet ist, die Liebe wird hier schon das ihrige noch tun.

 

Spannend, gut geschrieben mit kreativen Ideen ist das Buch, trotz einiger Längen und mancher zu simplen Darstellung, lesenswert und eine anregende und differenzierte Lektüre vor allem für Altersgruppe von 14-16 Jahren.

 

M.Lehmann-Pape 2011