Hoffmann und Campe 2013
Hoffmann und Campe 2013

Matthias Politycki – Samarkand Samarkand

 

Rettung des „freien Westens“?

 

Als Yalcin zum Bundeskanzler gewählt wurde, 2026, war dies der Tropfen, der das, eher gesagt ein Fass zum überlaufen brachte. Schleichend erst, aber doch erkennbar, dass sich Schritt für Schritt zunächst ein Bürgerkrieg in Deutschland Bahn brach.

 

„Auch bei uns hat es mit Straßenkampf begonnen“. Erzählt Alexander Kaufner, 58 Jahre alt, ehemaliger Gebirgsjäger.

 

Die „Nationale Einheitsfront“, die russlanddeutsche „Wahrheit“, die „Partei der Bibelfesten“, die „Freistaatlichen“. Schlägertruppen, Milizen, ein durchaus gewichtiger Islam in Deutschland, eine Bewegung „unter dem Kreuz“ in Russland, Kämpfe im Land und an den Ostgrenzen, Entstehung „freier Festen“ bis dahin, dass vor allem die Migranten der 2. und 3. Generation, mittlerweile als „Deutschländer“ allgemein bekannt, die einzige Gruppe darstellte, die im Kampf „ihren Mann“ steht (während die degenerierte Bundeswehr des „toleranten Westens“ beständig überrollt wird, wo man sie auch antrifft).

 

Eine Situation, die sich noch verschärft durch radikal islamische Truppen des „Kalifen von Bagdad“, die mittlerweile kurz vor Paris zu stehen scheinen, Oder Paris schon eingenommen haben, die Nachrichtenlage ist ziemlich unklar und der „Tagesschau“ ist kaum zu trauen. Selbst Köln scheint in einem Stoßangriff schon brutal niedergemetzelt worden zu sein, Hamburg umkämpft, Berlin nicht mehr der Rede wert, da die Gefahr nicht nur von Außen kam, sondern zunächst von Innen zersplitterte.

 

Ausgangssperren, Standgerichte, Selbstmordanschläge, Bibelverbrennungen, soweit ist es inzwischen gekommen, dass die „Deutschländer“ als eher liberale islamische Gruppe die Türkei um die Entsendung von Truppen gebeten haben. Die wenigen „Freien Festen“, in sich geschlossene Gebiete aller möglichen Gruppen, bieten einen gewissen Schutz, doch wirklich eingreifen in das Geschehen können sie nicht.

Was aber allen „Freien“ klar ist: die „Faust Gottes“, der islamisch fundamentalistische Stoßkeil, muss aufgehalten werden.

 

Soweit die düstere Ausgangslage, die Polyticki in seinem Roman für die nähere Zukunft als Rahmung setzt. Eine Lage, in der die „freien Festen“ den erfahrenen Ex-Soldaten Kaufner nach Samarkand in das Grenzgebiet zwischen Tadschikistan und Usbekistan schicken. Mit dem Auftrage, die echten Gebeine des islamischen Kriegshelden Timur zu finden. Gebeine, die ein mythische Kraft für die „Faust Gottes“ freizusetzen scheinen. Sollten diese gefunden und  vernichtet werden, wäre das Rückrat des „Kalifen von Bagdad“ gebrochen. Ein Anschlag auf den „heiligen Kern“ des Gegners, da fragt sich fast, wer denn nun die Extremisten sind und wo eine innere, moralische Grenze noch verläuft. Fragen, die Polyticki intensiv in seinem Roman mitschwingen lässt und ein um das andere Mal die Ohnmacht der Antwortlosigkeit an seiner Figur des Kaufner durchdekliniert. In märchenhaften Geschichten und fremden Traditionen

 

Eine junger Mann, der als Führer dient und Kaufner allein durch seine Haltung nahebringt, was Ehre bis zum Tod und ein Einlassen auf die sperrige und schroffe Region des tadschikischen Gebirges wirklich bedeuten. Soweit, dass Kaufner, dem erfahrenen Gebirgsjäger, klar wird, „dass er ein Anfänger ist“. Nicht nur, was das wahre Bewegen im Gebirge angeht, gerade auch, was das innere Leben betrifft.

 

Wie er in der Begegnung mit der 13jährigen Sochi in Samarkand bei seiner Ankunft schon an seine Grenzen gerät. Ein Mädchen mit Visionen, mit einer gewissen Hellsichtigkeit in Träumen, die Kaufner ein um das andere Mal erstaunt und in innere Bewegung zwingt.

 

Unverdorbene, ihren klaren Instinkten folgende und angesichts der „Erwachsenenwelt“ ratlose Kinder sind es, die den Weg weisen können. Wenn man die Kraft hätte, sich ganz auf sie einzulassen. Was kaum jemand in Erwägung zieht. Sochi zumindest ist ob ihrer Kräfte eher eine Ausgestoßene, in Samarkand an den Rand gedrängte Person. Aber Kaufner wird lernen, soviel sei gesagt. Mythisch und düster durch Polyticki wunderbar dargestellt.

 

Sprachlich überzeugend, teils fast hypnotisch den Leser durch bizarre Landschaften und ebenso bizarre Begegnungen führend, stellt Polyticke die Frage nach „der Grenze“. Der fließenden, inneren Grenze zwischen „gut und böse“, „Toleranz und Mut für Werte“, innere Öffnung gegen äußere Gier, Sturheit und Festgefahrenheit, die den Leser ebenso lange beschäftigt, wie die äußere Geschichte dieser düsteren Queste an sich.

 

M.Lehmann-Pape 2013