Heyne 2012
Heyne 2012

Max Barry - Maschinenmann

 

Perfektion des Ingenieurs

 

Charlie Neumann ist Ingenieur bei „Better Life“, einem Konzern, der Rüstungsgüter ebenso entwickelt wie Werkstoffe und anderen technischen Fortschritt. Charlie Neumann ist auch einer, der mit Menschen nicht sonderlich zurecht kommt, keine privaten Kontakte pflegt, den durchaus die nackte Panik überkommt, wenn er sein Smartphone nicht findet, der aber über die Telefonier-Funktion dieses Handys kaum informiert ist. Braucht er nicht. Charlie entwickelt und forscht, sein inneres Streben ist die Verbesserung, die Perfektion.

 

Bei einem Arbeitsunfall verliert er ein Bein zwischen zwei Metallzwingen. Während der Genesung lernt er Lola kennen, die Prothetikerin, und ist unzufrieden. Der Ingenieur in ihm will sich nicht mit mangelhaften Hilfsmitteln abfinden, die in seinen Augen selbst die modernste und beste Prothese nur ist. Er macht sich daran, eine eigene Prothese zu bauen. Erst mal ein Bein. Und spürt währenddessen, wie er sich Lola innerlich nähert. Eine verwirrende Erfahrung. Warum er sich Lola so nahe fühlt? Auch das hat Gründe, die ihm noch gar nicht bekannt sind, denn aus ihrer eigenen Geschichte heraus kennt Lola nicht nur den Wert jedes einzelnen menschlichen Körperteils, sondern auch den „Überlebenswert“ einer funktionierenden Prothese. Die bei ihr nur nicht so offensichtlich vorliegt.

 

Charlie hat Erfolg. Und ärgert sich, dass nun ein Bein die „normale“ biologische Leistungsfähigkeit so sehr überschreitet, das andere Bein aber doch nur schwach weiter aus Haut und Knochen einschränkt. Der Leser ahnt zu diesem Zeitpunkt bereits, was passieren wird. Und erlebt ebenso mit, wie in der Firma Charlies die Abteilung für ein „besseres Leben“ immer größer wird, immer mehr Innovationen entwickelt werden. Hände, Augen, Schnittstellen, Arme, Haut, Körper, nichts scheint mehr unmöglich und selbstverständlich tritt umgehend auch die militärische Nutzung vor die Augen Manager.

 

Wobei Charlie mittlerweile erstaunt feststellt, dass ein gewisses Eigenleben der „Neuteile“ spürbar wird. Wer kontrolliert wen? Wie verändern entwickelte, neuronale Schnittstellen das Verhältnis seines Gehirns zu den „fremden“ Körperteilen? Und wie passt in diese Suche nach ständiger Perfektion dieses anfällige, merkwürdige, nicht zu berechnende „Gefühl“ Lola gegenüber? Ein Gefühl, dass „die Firma“ nicht gutheißen kann, denn Charlie ist zu wertvoll mit seinen Innovationen, als ihn den Gefahren eines „normalen“ Lebens noch auszusetzen.

 

Technik gegen biologische Grenzen, Verantwortung gegen Profit, Innere Entwicklung gegen äußere „Perfektion“, Seele gegen Materie, ein nicht nur innerer Kampf entbrennt, auch äußere Bedrohungen werden sich Charlie in den Weg stellen.

 

Max Barry legt einen Science-Fiction Roman vor, der sich vielfachen Fragen technischer Machbarkeit und innerer Grenzen eines technischen Fortschritts temporeich und durchaus mit Action-Sequenzen versehen zuwendet.

Spannend bis zum Schluss bleibt die Frage, wie der Kampf Charlies gegen seine Firma ausgehen wird, aber auch, wie und wohin sich seine innere Haltung sich entwickeln wird. Verliert er sich in seinen „Bessern Teilen“? Findet er sich selbst durch all dieses hindurch?  Ist die „Summe der Teile größer als das Ganze“? Fragen, die durch das Ende des Buches noch einmal fast paradox beantwortet werden. Unterhaltsam und spannend in allerdings eher einfacher Sprache geschrieben, wirft Barry innere Fragen des technischen Fortschritts auf, die durchaus bedenkenswert sind.

 

M.Lehmann-Pape 2012