Gardez 2010
Gardez 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seit Herbst 2010 erscheinen in Zusammenarbeit der Verlage Juhr und gardez!
Geschichten aus dem Bergischen Land und dem Rheinland. Eine davon ist der
Endzeitroman Der Finder von Michael Schreckenberg. Der in Leverkusen lebende
PR-Berater, freie Journalist und Autor schreibt Genre übergreifende
fantastische Geschichten zwischen Horror, Science-Fiction, Thriller und
Urbanfantasy. Was bereits 1999 entstand und damals eher noch kurz gehalten
war, erschien um einiges ausgebaut im November 2010 als Debütroman im Rahmen
des eben erwähnten Gemeinschaftsprojekts der oben genannten Verlage.

Passend zum Thema ist das Cover des Buches schlicht in schwarz-weiß
gehalten. Die Zeichnung zeigt einen altertümlich wirkenden Reiter vor einem
kahlen Baum, einigen Felsen und Turmspitzen im Hintergrund. Der Finder hat
übrigens nichts mit dem zentralen Bestand-teil der grafischen
Benutzeroberfläche eines Mac OS-Betriebssystems zu tun. Im Fall von
Schreckenbergs Roman handelt es sich dabei um einen Menschen. Der
Handlungsort ergibt sich aus dem Verlagsprojekt – es ist das Bergische Land,
jedenfalls hauptsächlich. Der Roman spielt über einen Zeitraum von mehreren
Monaten in der Gegenwart. Die Figuren sind Otto-Normal-Verbraucher: Keine
Helden, keine Überflieger, nur einige Menschen Ende 20, mit normalen Ängsten
und Nöten, jedenfalls bis zu einem bestimmten Tag.

Kennen Sie das? Lärm macht verrückt, man sehnt sich nach Stille. Der
Fotograf Daniel braucht das manchmal. Wenn auch anders, als er es letztlich
mehr oder weniger bekommt. Er ist Der Finder, damit die Hauptfigur des
Romans und der Erzähler. Daniel fotografiert gerne Friedhöfe und genießt die
Stille dort. Zehn Jahre nach seinem Abitur nimmt er an einer Feier teil und
verliebt sich Hals über Kopf in Esther, die seine Gefühle prompt erwidert.
Sie sucht ihn schneller auf, als er nüchtern werden kann und nicht nur
Daniel schwebt im siebten Himmel. Allerdings einem sehr stillen und einsamen
Himmel, wie sie bald darauf feststellen. Während sie sich näher gekommen
sind, während weniger Stunden nur, sind fast alle Menschen verschwunden.
Einfach weg. Nur ein paar ehemalige Schulkameraden, die auf der Abifeier
waren, finden sich wieder. Geschockt, entsetzt, verzweifelt, gequält von der
Frage nach dem Warum.

Man landet schon im Prolog quasi ohne Vorwarnung mitten im Geschehen. Die
Lektüre des Romanabschnitts, der sich gleich darauf mit dem Entstehen der
Situation und den Über-legungen der Überlebenden hinsichtlich ihrer Zukunft
beschäftigt, gestaltet sich nicht schwierig, hat aber eine Schwäche: das
Tempo. Er wirkt dadurch etwas konstruiert und die getroffenen Entscheidungen
nicht unbedingt nachvollziehbar. Genauso schnell wie die Liebe zwischen
Esther und Daniel aufflammt, genauso schnell geht es nach der Katastrophe
weiter. Keiner rechnet damit, dass von außerhalb Rettungskräfte kommen. So
trennt sich die kleine Gruppe. Die einen machen sich auf die Suche nach
weiteren Überlebenden, die anderen entscheiden sich, die Stadt zu verlassen,
sich ein Domizil auf dem Land zu suchen und einen Neustart zu wagen. Es
erscheint wenig nachvollziehbar, dass angesichts des erlittenen Schocks
speziell die letzte Entscheidung so schnell getroffen wird. Auch dann nicht,
wenn sie von eine m ehemaligen Afghanistansoldaten angeregt wird.
Andererseits – wer weiß schon, wie man sich in so einer Situation
tatsächlich verhalten würde …. Daniel und Esther gehören zu den „Siedlern“.
Was überraschend gefasst geplant wird, wird ebenso ruhig und sicher
umgesetzt. Die Gruppe findet einen Hof und beginnt sich einzurichten. Sie
verharren nicht, handeln überlegt und nehmen im Handumdrehen alles in
Angriff. Aus Notgemeinschaften werden bald Beziehungen. Wie bereits erwähnt,
wirkt dieser Teil der Geschichte zwar in seinem fatalistisch anmutenden
Pragmatismus etwas schwer nachvollziehbar; langweilig oder gar völlig
aberwitzig ist er aber nicht.

Und der Neuanfang hat durchaus seine Tücken. Berufliches Wissen nützt bei
den wenigsten etwas. Hobbys sind nur bedingt von Nutzen. Vorräte sind nur
begrenzt haltbar. Was tun ohne Strom, ohne all das, was man als
Selbstverständlichkeit voraussetzt, weil es bisher immer da war? Wie
produziert man Lebensmittel? Jeder der Überlebenden hat eine oder mehrere
Auf-gaben zu erfüllen. Es braucht Jäger und Sammler, Köche, Handwerker und
Ähnliches. Foto-grafen wie Daniel braucht niemand mehr. Auf diese Weise wird
Daniel Der Finder. Er sucht Dinge, die die Gruppe zum Überleben braucht oder
einfach möchte. Und nebenbei (ohne große Hoffnung, aber nie ganz ohne) auch
noch Menschen.

Schreckenberg hat sich abgesehen von einer nuklearen Katastrophe mit so
ziemlich allem beschäftigt, was beim und nach dem Verschwinden fast aller
Menschen so passieren könnte. Das wird dem Leser mit Daniel beim
Durchstreifen seiner klein gewordenen Welt klar. Spätestens hier gewinnt die
Geschichte zunehmend. Kleine Blicke auf das Leben nach der Katastrophe
machen immer wieder deutlich, wie sehr der Mensch auf Gewohntes an-gewiesen
ist. Kleine Rückblicke auf die Katastrophe selbst wiederum fokussieren
darauf, wie sehr der Mensch seine Umwelt beeinflusst. Wer und was alles von
ihm in der von ihm ge-schaffenen Welt abhängig ist oder was durch den
technischen Fortschritt in einer solchen Situation alles geschehen kann.
Dabei setzt der Autor nicht auf Schockeffekte wie etwa ein führerloses,
abstürzendes Flugzeug, sondern auf den nachträglichen Blick auf eine bereits
abgestürzte Maschine. Die Lautlosigkeit, mit der die Menschheit
verschwindet, die Leere die sie hinterläss t, wirkt umso mehr durch das
Weglassen falscher Dramatikeffekte. Das fantastische Horrorelement ist trotz
der omnipräsenten Bedrohung für die Romanfiguren recht dezent im
Hintergrund, hier wirkt eher der Horror der abrupten Veränderung der
Lebensumstände. Gleichzeitig lässt der Autor Platz für eigene
Interpretationen und lenkt teilweise in die Irre, bevor er den Leser wieder
auf die Spur führt, auf die er ihn haben will. Bereits dadurch hat er eine
düstere und dichte Atmosphäre geschaffen, in die der Leser nach wenigen
Kapiteln ganz eintauchen kann; in der er mit den Charakteren mitleidet,
hofft und bangt. Er zeigt nicht nur durch Daniels Beobachtungen das
unheimliche Glück, das die Siedler hatten. Er zeigt auch, dass
Extremsituationen Menschen nicht zwingend positiv ändern; dass sie latente
Verhaltensweisen, Gewaltbereitschaft und Machtgehabe heraus-kitzeln können.
Das wird spätestens dann klar, als Daniel tatsächlich andere Überlebende
findet.

Doch es ist nicht der hart gewordene Alltag, der die schwach keimenden
Hoffnungen auf eine Zukunft mehr und mehr zunichtemacht und den anfänglichen
trotz aller Widrigkeiten energiegeladenen Pragmatismus in einen
kräftezehrenden Determinismus verwandelt. Daran ist auch nicht Erkenntnis
schuld, dass nicht jede Gruppe Überlebender ein demokratisches Verhalten wie
die Siedler pflegt. Es ist das Wissen, dass die überlebenden Menschen nicht
allein sind. Es gibt unheimliche, nicht greifbare Wesen, die sie jagen –
bald Nacht für Nacht. Und die Wesen lernen schnell dazu. Hier kommt die
Vorliebe des Autors für Romane von Stephen King zum Vorschein und er ist
seiner – wenn auch auf andere Art - durchaus würdig. Sukzessive steigert
Schreckenberg die Horrorvision, ohne sie wirklich in den Vordergrund zu
stellen, und lässt die Möglichkeiten der Menschen mehr und mehr schwinden.

Die Erklärung für die Wesen, ebenso wie für das Verschwinden der Menschheit,
klärt schlussendlich nicht wirklich das Überleben einzelner, kleiner
Gruppen. Das muss es über-raschenderweise auch gar nicht und es kann
schlicht mit schriftstellerischer Freiheit be-gründet werden. Doch wie der
Anfang des Romans ist auch die Erklärung und mit ihr der Schluss etwas kurz
abgehandelt. Dennoch: Der rote Faden wird weder anfangs noch gegen Ende
abgerissen, sondern von Schreckenberg zwar schnell, doch überaus konsequent
zu Ende gesponnen.

Fazit

Anfang und Ende werden etwas zu kurz abgehandelt und stehen in keinem
wirklich aus-gewogenen Verhältnis zur Mitte. Doch das stört nur bedingt,
denn gerade der Mittelteil macht einiges wett. Die Tatsache, dass die
Geschichte in Deutschland spielt, die Figuren so „normal“ sind und
Schreckenberg auf falsche Dramatik und große horrormäßige Schockeffekte
verzichtet hat, ohne das Kribbeln im Nacken zu vergessen, lässt seinen
Debütroman zu etwas werden, was sich relativ leicht liest. Doch der Roman
regt dem ungeachtet auch zum Nachdenken an – über das Menschsein, über die
Menschheit. Und abgesehen davon, dass er die Hoffnung darauf weckt, dass
etwas Vergleichbares nie eintritt, macht Der Finder eindeutig Lust auf mehr
und bekommt vier von fünf Punkten.

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)