Heyne 2014
Heyne 2014

Peter Huth – Berlin Requiem

 

Das Tier im Menschen

 

Berlin als Handlungsort dieses Romans bietet sich nicht nur deswegen an, weil Peter Huth sich dort bestens auskennt, sondern auch als geschichtsträchtiger Ort, an dem zwei wichtige historische Fäden für diesen Roman starke Bedeutung haben.

 

Zum einen gab es in Berlin bereits einmal eine Mauer, um gewisse Subjekte „drinnen“ zu halten und zum anderen steht Berlin auch für eine Periode, in der das, was im Buch „Kontrollierte Zone“ genannt wird, in ganz anderer Ausführung der Initialen des Wortes erdacht und auf den Weg gebracht wurden.

 

Und hinter beiden war jene „innere Haltung“, jene innere Angst und Beschränkung zu finden, die auch für diesen Roman tragende Motive bilden wird.

 

Vorweg sei zudem bemerkt, dass der Klappentext zwei wichtige Momente der Geschichte falsch wiedergibt.

 

Zum einen fallen gebissene oder infizierte Menschen nicht nur in ein Koma und „erwachen“ als „Träger des Lazarus Virus“, also als „Zombies“. Sondern es gibt eine Phase dazwischen. Als Persönlichkeit und sprachfähig noch in seinem bereits toten Körper.

 

Gerade dies ist wichtig und macht einen besonderen Reiz des Romans aus.

Das bewusste Erleben als „Leiche“ und die daraus resultierende, durchaus nicht negative innere Haltung, die sich diesem Zustand innerlich gegenüber entwickelt.

Wichtig auch und vor allem für das Ende des Buches und den inneren Faden, den Huth um diese Untoten herum eigentlich zu weben gedenkt.

 

Zum zweiten ist auch von einem unbedingten „unstillbaren Hunger nach Fleisch und Blut“ der Untoten gerade explizit nicht überall die Rede im Buch. Genau das will Huth ja offen lassen, was das „Beißen“ auslöst und wer die Aggression eigentlich in die Situation bringt (auch wenn Huth manches Mal zu diffus agiert, zwischen „traditionellem Zombie mit Beißlust“ oder vielleicht doch „neuem Wesen“ sich zu unklar bewegt.

 

Dennoch,  das „Gruselige“, der „Horror“, der „Slatter-Anteil“ fällt nicht übermäßig hoch, ist nicht der Mittelpunkt der Geschichte, sondern Huth wendet sich vor allem zwei Aspekten menschlichen Seins zu, die seit Jahrtausenden ein friedliches Miteinander verhindern.

 

Zum einen der ständige Drang der Überzeugung, „oben“ sein zu wollen“, es alleine „richtig“ zu sehen und andere dahingehend zu beeinflussen und zu manipulieren. Unter „passend machen“ der Argumente, auch, wenn das massive Opfer nach sich zieht.

Und zudem jene Haltung, die den Mob immer wieder leicht lenkbar werden lässt, wenn nur ein genügend großes Feindbild an die Wand gemalt wird.


„Du tötest das, was du fürchtest und du fürchtest, was du nicht verstehst.“

 

In Berlin, Bezirk Kreuzberg und Neukölln, ist das “Lazarus-Virus“ ausgebrochen. Menschen werden blutig getötet und kehren dann wieder als Untote. Die beißen und töten.

 

Der Senat ist fieberhaft dabei, die Bezirke zu isolieren durch den  Bau einer Mauer und Wachtürme, auf denen Polizisten die „zum Abschuss freigegeben“ (eigentlich alle in den betreffenden Bezirken) eliminieren.

 

Niemand stellt die Frage, was eigentlich wirklich passiert.

 

Ein ehemaliger, geschasster Politiker kehrt glorreich zurück, da die Behauptung seines „Türken-Gens“ (Sarrazin lässt grüßen) zu stimmen scheint und scheinbar nur Menschen mit Migrationshintergrund vom Virus betroffen sind.

 

Der Journalist Robert Thus aber erhält andere Informationen (gezielt) und wird zudem massiv dafür kämpfen müssen, seine Liebe zu retten (vor allen Beteiligten).

 

Ein wenig vermischen sich die vielen Themen zu sehr im Buch, was auf Kosten einer stringenten Spannung geht. Ein teils zu starkes Nebeneinander innerer Fäden mit der gesellschaftlichen Analyse, dem Blick hinter den Kulissen von Politik und Macht, und der, natürlich Spannung, vor Ort „in der Zone“.

 

Zudem hätte dem Ende des Romans eine breitere Basis gut gestanden, hier geht es einfach zu schnell mit der Auflösung, dem dramatischen Fluchtversuch und dem, was vielleicht doch noch anderes denkbar für die Zukunft möglich gewesen wäre.

 

 

Ansonsten aber ein flüssig zu lesender, sprachlich einfach gehaltener „New-Horror“ Roman mit dem Anspruch, die vorschnellen Haltungen eines blinden „Denen zeigen wir´s“ in ihren bitteren Wurzeln offen zu legen.

 

M.Lehmann-Pape 2014