CBJ 2012
CBJ 2012

Rachel Hartmann – Serafina

 

Gefährdeter Frieden

 

In ihrem Debüt wendet sich Rachel Hartmann einem bekannten und breit vorliegenden Thema zu. Drachen und Menschen und deren Verhältnis zueinander.

 

Einige Besonderheiten aber baut Hartmann ein, die einen anderen, durchaus frischen Ansatz in diese alte Geschichte mit hinein bringt. Vor allem in der Hinsicht, dass Hartmanns Drachen „Gestaltwandler“ sind und, mit Einbußen an ihren „natürlichen Fähigkeiten“, menschliche Gestalt annehmen können. Und dies nach dem Friedensschluss zwischen Menschen den Drachen 40 Jahre zuvor auch zu tun haben, so sie sich im Königreich Corred und der Hauptstadt Gorred aufhalten. Zusätzlich haben die Drachen in Menschengestalt eine Glocke zu tragen, um „echte“ Menschen auf ihre Nähe und Anwesenheit hinzuweisen. Denn groß ist das Misstrauen. Keiner hat den Krieg vergessen, der nur durch den todesmutigen Einsatz der Ritter und ihrer Dracomachie im Kräfteverhältnis offen gehalten wurde und nur durch die Kraft der damaligen Königin und des Arcmagers (eine Art Ratspräsident der Drachen) in einen Friedensvertrag mündete. Nun sind Festspiele geplant, um den 40. Jahrestag des Friedens in Gorred zu feiern. Zu einer Zeit, in der die Ritter ob des Vertrages verbannt wurden und die Dracomarchie als Fähigkeit fast verloren gegangen ist.

 

Serafina ist eine junge Frau mit besonderer Begabung. Vor allem musikalisch, aber durchaus eine Vielzahl verborgener Talente mehr schlummert in ihr. Talente, die auf ein dunkles Geheimnis zurückgehen, das niemals den Menschen bekannt werden darf, ohne schreckliche Folgen für Serafina nach sich zu ziehen.

 

Als „Musikmamsell“ ist sie verantwortlich für die musikalische Gestaltung der Feierlichkeiten und damit ganz nah dran. Als Frau fühlt sie sich zum Hauptmann der Garde, Prinz Lucien, stark hingezogen und als Tochter ihres Vaters, der federführend an den Verträgen mit den Drachen mitwirkte, erhält sie manchen Einblick in auch intrigantes Geschehen zwischen Drachen und Menschen, dass ihre Besorgnis steigen lässt. Als dann auch noch ein Drache gegen alle Verbote sich im Land in seiner ursprünglichen Gestalt zeigt, als dann noch ein Prinz ohne Kopf gefunden wird, da ahnt Serafina, dass der Frieden in Gefahr steht. Wer aber und warum arbeitet hinter den Kulissen gegen die Übereinkunft zwischen Menschen und Drachen? Wer versorgt den „wilden“ Drachen mit Informationen?

 

In diese Rahmenhandlung hinein  lässt sich Hartmann viel, viel Zeit mit der Entwicklung und Gestaltung ihrer Figuren und ebenso mit der genauen Beschreibung der Verhältnisse im Land. Drachen, die sich der reinen Logik und dem Verstand verschreiben und stark zu kämpfen haben gegen ihre „Gefühle“, die in menschlicher Gestalt Teil des Lebens werden. Aber je unnachgiebig ausgemerzt werden müssen. Aus Angst, das eigene „Drachensein“ zu verlieren.

 Menschen, die sich aufspalten in freiliebende Versöhner und unnachgiebige Drachenhasser und Serafina und 18 andere, die eine ganz andere Verbindung herstellen könnten.           

 

Da zudem auch die Liebesgeschichte zwischen Serafina und Lucien einen breiten Raum einnimmt, fehlt es dem Buch über lange Strecken ein wenig an Spannung und Aktion, ständige Inneneinsichten und Reflektionen der Personen über sich selbst führen hier und da, trotz des sehr eingängigen Stils der Autorin, zu Längen. Am Ende des Buches wird allerdings deutlich, dass die Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt ist und so dieser breite „Vorbau“ um die vielen Personen und ihre Verhältnisse untereinander ein solides Fundament zumindest ergeben wird für einen eventuellen zweiten Teil, für den sich kriegerische Handlungen durchaus zum Ende dieses Buches hin andeuten.

 

Alles in allem eine andere Herangehensweise, ein interessantes Setting des Zusammenlebens zwischen völlig fremden Kulturen mit ihren Chancen, aber auch mit den mannigfaltigen Vorurteilen, Prägungen aus der Herkunftskultur, Vorbehalten und Tabus. Durchaus somit ein Spiegelbild auch moderner Gesellschaften, die sich der Problematik der Migration gegenüber sehen. Daneben eine durchaus lesenswerte Abenteuer- und Liebesgeschichte, die noch ein wenig zu langatmig daher kommt, durchaus aber Lust auf eine Fortsetzung macht.

 

M. Lehmann-Pape 2012