Heyne 2010
Heyne 2010

 

Rebecca Hohlbein – Himmelwärts

 

Vampire und Engel, Teufel und der ganze Rest

 

Nicht nur ist Rebecca Hohlbein die Tochter des, was Buchverkäufe angeht, erfolgreichsten deutschen Schriftstellers, auch ihre Sujets der letzten Zeit ähneln durchaus der fantastischen Welt, in der Wolfgang Hohlbein seine Roman anzusiedeln pflegt. Ein großer Unterschied allerdings, der nun auch in diesem Buch außerordentlich zum Tragen kommt, ist ihr Talent, skurrile Charaktere mit viel Liebe zu entwerfen und auf dem Weg durch das jeweilige Abenteuer einer ganzen Reihe voller ebenso skurriler Begegnungen und Situationen auszusetzen.

 

So zeigt bereits die erste Begegnung der beiden Hauptfiguren im Buch diese Neigung zur ausgefeilten Zeichnung von Charakteren und unverhofften Situationen. Tabea, seit 100 Jahren 17 Jahre alt und ihres Zeichen Vampirin, trifft im Leichenschauhaus (da Vampire keinen Puls haben, ist sie dort eingeliefert worden noch einer weiteren Verzwickung des Lebens durch Drogen in Ohmacht versetzt) auf Alvaro, seines Zeichen gerade unglücklicher Schutzengel, der einen seiner Schutzbefohlenen durch einen Mord verloren hat und nun alles bereit ist, daran zu setzen, dieses Versagen ungeschehen zu machen. Vor allem, da der Getötete als neuer Prophet von Gottes Gnaden auserkoren war und nun allein durch den Kuss eines Engels wieder ins Reich der Lebenden befördert werden kann.

 

Tabea freut sich auf diesen attraktiven Leckerbissen, der in der Pathologie wie ein unverhoffter Geschenk-Snack daher kommt, beisst wohlgemut in die Engelshaut und trifft auf einen ekelhaften Geschmack. Bedauerlicherweise nicht früh genug, um dem Engel nicht doch genügend Schaden zugefügt zu haben, denn prompt verliert er durch den Biss seine übernatürlichen Kräfte. Als beide sich gerade miteinander bekannt und frisch sortiert haben, wartet bereits die nächste Wendung der Ereignisse. Und die nächste. Und noch eine. Irgendwann prophezeit Satan zudem noch den Weltuntergang, den, wie sollte es anders sein, eigentlich nur der tote Prophet aufhalten könnte. Aber welcher Engel soll ihn küssen, wo doch Alvaro keine übernatürlichen Kräfte mehr besitzt. Als dann noch die himmlischen Heerscharen, die Dämonenarmee Satans und einige ausrangierte Götter ins Geschehen eingreifen, ist es um die Idylle der fränkischen Kleinstadt geschehen, die den geographischen Rahmen für dieses Feuerwerk an Verwicklungen, Gestalten und unverhofften Wendungen abgibt.

 

Trotz des ganz eigenen Stils erinnert vieles an den Grundzügen der Geschichte doch an so manches Werk von Wolfgang Hohlbein. Die besondere Note der vielfachen, surrealen Wendungen ist sicherlich ein anderes, belebendes Element, allerdings an der ein oder anderen Stelle definitiv einfach auch zuviel des Guten. Die Fülle von Charakteren und Wendungen im Buch geht so durchaus manches Mal auf Kosten des roten Fadens, hält hier und da nur auf, ohne wirklich die Geschichte zu bereichern oder zu befördern.

 

Sprachlich schreibt Rebecca Holhbein im gewohnt flüssigen, bildhaft beschreibendem Stil, wobei auch hier manches Mal die letzte Kraft der Worte fehlt. Weltliteratur ist weder inhaltlich noch sprachlich erwarten, mit Abstrichen anregende Unterhaltung aber durchaus gewährleistet. Respekt gebührt dem fantasievollen und an ironischen Wendungen reichen Einfallsreichtum der Autorin, auch wenn nicht jede Idee zündet und weniger hier und da mehr gewesen wäre.

 

M.Lehmann-Pape 2010