Goldmann 2015
Goldmann 2015

Rick Yancey – Das unendliche Meer

 

Hervorragender zweiter Band der Trilogie

 

„Ich habe solche Halsschmerzen“.

 

Und was macht man als fürsorglicher Mensch, wenn ein kleines Kind von unter fünf Jahren so leidet? Man schaut auf jeden Fall genauer hin, beugt sich über das Kleine, schaut in den wunden, roten Hals.

 

Mit Folgen.

 

„Sie“ sind weiter auf der Jagd. Nach den letzten paar Menschen, die von über 7 Milliarden übrig geblieben sind. Die „fünfte Welle“ rollt an. Mit dem Ziel, jedes menschliche Leben auf dem Planeten zu vernichten, auch all jene noch zu finden, die sich versprengt, alleine oder in kleinen Gruppen, noch verborgen halten.

 

Im besonderen Fokus, natürlich, jene kleine Gruppe, die so viel Ärger gemacht hat, die am Ende des ersten Bandes eine ganze Basis zerstört hat.

 

Cassiopeia, Ben, Ringer, Poundcake, Sam und die anderen, die sich in einem alten Hotel verschanzt haben.

 

Und Evan Walker. Der Mensch, der eigentlich keiner ist. Der „erweckte Silencer“, der lautlos als Scharfschütze auf der Jagd nach Menschen war und sich in Cassie verliebt hat.

 

Doch ob Evan noch lebt? Und wo er sein könnte?

 

Die Gruppe braucht einen sicheren Unterschlupf, einen warmen Ort für den beginnenden, kalten Winter. Ringer macht sich auf, geht voran, will eine Höhle auskundschaften. Als ihr ein schrecklicher Irrtum unterläuft, als sie, wie gewohnt und wichtig, zuerst schießt und dann schaut.

 

Während sich ein kleines Mädchen mit Halsschmerzen den Zurückgebliebenen Schritt für Schritt nähern wird.

 

Ist es zunächst ungewohnt für den Leser, dass Yancey zwei Ich-Erzählerinnen (getrennt voneinander) im Buch die Geschichte tragen lässt (und eine Szene aus beider Perspektiven erzählen wird), so stellt sich doch umgehend wieder der Fluss des Lesens ein, der schon den ersten Band der „Wellen“ ausgezeichnet hat.

 

Mehr und tiefer geht Yancey in diesem zweiten Band auf die einzelnen Protagonisten ein. Dabei erzählt er nicht nur aus der Vergangenheit, sondern differenziert auch die Persönlichkeiten emotional weiter aus. Angeschlagene Charaktere, für die „ein Versprechen“ die einzig noch zählbare, harte Währung darstellt.

 

Zum Teil schwer verletzte Körper, bei denen der Leser sich kaum vorstellen kann, wie diese zerschossenen und zerbrochenen Körper den nächsten Schritt überleben sollen. Aber da Yancey wenig Skrupel kennt, auch Sympathieträger „untergehen zu lassen“, werden durchaus überraschende Wendungen die Lektüre bereichern.

 

Bis auf eine dann doch eher unglaubwürdige Action-Sequenz bilden auch die Kämpfe spannenden, teils harten Stoff, Der sich einbettet in die hörbare Grundkritik am Umgang des Menschen mit dem Planeten, einbettet in die Hinweise auf die tief destruktive Haltung des „Schädlings Mensch“. Und des Verrats, der immer noch, trotz aller Ereignisse, geschehen kann (und wird) unter den übrig gebliebenen.

 

„Ein Land voller Leben, bevor ihr…Nagetiere…es zerfetzt habt“.

 

Mit noch einmal überraschenden Erkenntnissen zum Schluss dieses mittleren Bandes der geplanten Trilogie, warum eigentlich die anderen diesen komplizierten Weg der Vernichtung wählen und was wirklich dahinter stecken könnte.

 

Eine überaus flüssige, spannende und ereignisreiche Lektüre, in der Yancey seine ganz besondere apokalyptische Atmosphäre spürbar weiter entfaltet.

 

M.Lehmann-Pape 2015