Goldmann 2014
Goldmann 2014

Sarah Lotz – Die Drei

 

Düster

 

Vier Flugzeuge, die zur gleichen Zeit abstürzen und eine Schneise der Verwüstung hinterlassen.

 

Alle Insassen müssten tot sein.

Bei der Massivität der Abstürze kann das gar nicht anders sein.

Und doch finden die Rettungskräfte drei Überlebende.

Kinder, die als „die Drei“ in die Schlagzeilen eingehen.

 

Merkwürdige Kinder.

Kinder, die nach diesem Überleben ganz anders sind.

 

Eine Andersartigkeit, ein Geschehen, dass sich erst langsam, Schritt für Schritt, von der Autorin in sehr ungewöhnlicher Form verfasst, ablesen lassen wird, das aber dennoch fast von Beginn an eine Unruhe auf den Leser überträgt, ein tiefes Unwohlsein, das durch die Augen der dem Fall Nahestehenden Seite für Seite stärker in den Raum tritt..

 

Warnungen gab es schon von Beginn an. Denn noch eine Person hat, zumindest kurz, ihren Absturz überlebt. Lange genug, um eine Voice  Botschaft auf ihrem Handy zu hinterlassen. An ihren Pastor. Mit einer eindeutigen Warnung:


„Sie müssen sie warnen, dieser Junge, dieser Junge, man darf ihm nicht………“.

 

Und damit ist nicht nur dieser Junge gemeint.

 

Auch Bobbys Onkel Phil, der den überlebenden Bobby nach dem Absturz zu sich nimmt, erlebt Außerordentliches. Der Vater des Jungen, Stephen, Opfer des Absturzes, tot, Zwillingsbruder Phils, „erscheint“ Phil nachts. Sitzt auf dem Bett.

 

„Wie konntest Du das ins Haus lassen?“, ist seine wiederkehrende Frage.

 

Apokalyptische Endzeitprediger erfahren einen ungeahnten Aufschwung. Sind die Drei ein Teil der apokalyptischen vier Reiter? Gibt es gar noch einen vierten Überlebenden? Steht das Ende der Welt bevor, die Wiederkehr Christi?

 

Doch warum sind die Kinder so anders, so kalt, so unbeteiligt, so kühl, so ohne jedes Interesse an fast allem, was ihr „neues Leben“ ausmacht?

 

In der Form bietet Lotz ein „Buch im Buch“ zur Klärung des Geschehens auf und schickt ihre fiktive Journalistin Elspeth Martins in die Spur des Geschehens. Deren gesammelte Recherchen, zusammengetragen aus vielen Perspektiven um die Abstürze und um das Umfeld der Kinder späterhin herum bilden ein vielfältiges Kaleidoskop von Eindrücken.

 

Durch die Augen der Vormünder, durch die Augen des kühlen und skeptischen Ermittlers Ace, durch Chaträume und aufgeregte Gemeinden, durch elegische Predigerworte und angsteinflößende Erlebnisse der engeren Beteiligten hindurch in raschen, aufeinanderfolgenden „Kurzberichten“ und „Reportagen“ schafft Lotz eine düstere, bedrohliche Atmosphäre, die vor allem deswegen so nachhaltig wirkt, weil die ganz langsam erst sichtbar werdenden eigentlichen Beweggründe und das Eigentliche an „Veränderung“ in den Drei so klar, so wenig elegisch, so wenig emotional sich entfalten wird.

 

Eine Darstellungsform, die mit einer starken Bildsprache einhergeht.

Allein schon den Absturz subjektiv aus der Sicht einer Passagierin intensiv mitzuerleben zeigt zu Beginn des Buches bereits auf, wie intensiv Lotz das Erleben ihrer vielen Protagonisten darzustellen versteht.

 

Und wie werden sich die Ereignisse zuspitzen?

Denn dass Dramatisches Geschehen wird, das ist fast von Beginn an klar und wird auch von dem offenen und verstörendem Ende (noch) nicht abgeschlossen sein werden.

 

Wobei, die Form der Darstellung ist sicherlich bei all dem sehr gewöhnungsbedürftig und dürfte nicht jedem Leser gefallen, da der „rote Faden“ doch sehr häufig hin- und hergeworfen wird und die eigentliche, interne Geschichte der Drei fast durchgehend nur indirekt durch die Augen von „Zeugen“ erzählt wird.

 

 

Dennoch aber bietet „Die Drei“ eine überzeugende, beängstigende Atmosphäre und ein an Spannung zunehmendes Tempo mit tiefen Seitenhieben auf all das überbordende und elegisch-überschwengliche  Verhalten und Wirken der modernen (Fernseh-) Prediger evangelikaler Ausrichtung, der „gerne-wundergläubigen  Menge“ und ein kühles Schildern der Härte, die es mit sich bringen kann, sich genau „diesem Wunder“, von dem das Buch erzählt, zu sehr zu nähern.

 

M.Lehmann-Pape 2014