Heyne 2011
Heyne 2011

Stephen King – Die Arena

 

Herr der Fliegen auf dem Land in Amerika

 

Passend gewählt ist bereits das Cover des Buches. Wie in einer der alten Schüttelkugeln ergeht es der kleinen Stadt Chester´s Mill. Natürlich ungewollt und von jetzt auf gleich.

 

Unter der Kuppel eines Kraftfeldes wohl wird die Stadt abgetrennt von der Außenwelt 8mitsamt ihrer gerade einmal 2000 Einwohner, von denen allerdings so einige bereits die ersten Seiten des Buches nicht überleben werden).

 

Luft zum atmen verbleibt zwar durch die Membranartige Kuppel, ansonsten aber kommt nichts heraus oder herein, wie die verschiedenen abgetrennten Körperteile aufzeigen, die dem Erscheinen der Kuppel direkt zum Opfer fallen. Nebenbei aber führt King auch umgehend in bewährter Manier ein in das, was außerhalb dieses dramatischen Ereignisses noch alles in der kleinen Stadt auf den Leser wartet. Der Sohn des zweiten Stadtabgeordneten zum Beispiel hatte sich über eine Frau geärgert. Und über einen Hilfskoch. Wie sich sein Ärger ausdrückt beschreibt King gewohnt minutiös und ohne Scheu auch vor drastischen Ergüssen von blut, als dieser Sohn auf jene Frau auch bereits zu Beginn des Buches trifft. Wohl aber gut behütet weiß sich der missratene junge Mann, denn sein Vater „Big Jim Rennie“ kennt die Feinheiten der Spiele der Macht und hat sich bereits eine Basis an Getreuen in Chester´s Mill geschaffen.

 

Und nachdem einer der  wenigen, die bereit waren, ihm immer die Stirn zu bieten, der Scherriff des Ortes, äußerste Probleme beim Zusammentreffen zwischen seinem Herzschrittmacher und der Energiekuppel bekommt, wird sich „Big Jim“ im Laufe der fast 1300 Seiten durchaus seine Bahn brechen.

 

In dieser Konstellation gelingt es King, wie so häufig in seinen „Alterswerken“, den Horror und Grusel nicht mehr durch Monster, Vampire oder Clowns heraufzubeschwören, sondern allein durch seine eloquente und intensive Zeichnung der Personen das „Böse im Menschen“ sich mehr und mehr Bahn brechen zu lassen, lange Zeit, wie ebenso bei ihm üblich und zur Kunst erhoben, durch schmale Andeutungen, durch die ständige Präsenz drohender Gefahren  und drohender Ausbrüche des Bösen in den Figuren. Sie, wie „Big Jim“ den hermetisch abgeriegelten Ort fast vollständig unter seine Kontrolle bringt, hart zwischen „Freund und Feind“ unterscheidet und seine Feinde unnachgiebig dem angeheizten Zorn des Mob in der „Arena“ preisgibt. Natürlich sind nicht alle widerstandslos bereit, sich seinem zunehmenden Schreckensregime zu beugen. Allen voran Dale Barbara („Barbie“ für seine Freunde),  jener anfangs erwähnte Hilfskoch (du ehemalige Elitesoldat) stemmt sich gegen die Kuppel, gegen Jim Rennie und die um sich greifende Gewalt des Bösen im Ort.

 

Ausführlich folgt King den Spuren seiner Figuren und zieht den Leser wie in einen Sog mit hinein in das, was er als sein Lebensthema erkoren hat: Die dunkle Seite des Lebens, des Menschen. Das Böse und die entfesselten Leidenschaften, die Sprengung des „Hauches von Zivilisation“, den sich die Menschheit in den letzten Jahrhunderten „übergetüncht“ hat. Und das ganze wie gewohnt in klarer, teils drastischer Schilderung und mit hoher Spannung versehen. Trotz der fast 1300 Seiten geht das Buch flüssig und leicht von der Hand und bietet pralles Lesevergnügen mitsamt erschreckenden Einblicken in das, was Menschen im Innersten (auch) an Bösem bewegt.

 

M.Lehmann-Pape 2011