Heyne 2013
Heyne 2013

Stephen King – Doctor Sleep

 

Die Last des inneren Erbes

 

Einige schwer belastende Dinge sind es, die Dan („Danny“) Torrance von seinem Vater, dem ehemaligen Hausmeister des Overlook Hotels mit auf den Lebensweg bekommen hat.

Wohlgemerkt belastend neben dem Trauma des Kampfes gegen die „Geisterleute“ des Hotels, gegen das Hotel selbst und gegen seinen damals völlig in sich weg gleitenden, dann nur noch mordlustigen Vater.

 

Zum einen das „Shining“.

Die „Hellsichtigkeit“, was das Leben, das Innere anderer Menschen angeht.

Wesentlich schwerer aber wiegt die Nähe zum harten Getränk. Der Alkohol wird auch für Dan das Leben begleiten. Auch, nachdem er seine „innere Schatulle“ entworfen hat, in der er die „Geisterleute“ aus dem alten Hotel (die ihn als Kind immer noch verfolgen) sicher verwahrt bekommt.

 

Jahre des Herumstreunens, Jahre auch des „ganz unten Seins“. Jahre im Suff mit menschlichen Tiefen, fast ein Wrack nur noch, das steht dem kleinen Danny im Buch zunächst bevor.

Doch auch eine Aufgabe wartet auf ihn. Ein „Begleiter für ein gutes Sterben“ zu sein, ein "Dr. Sleep", das ermöglicht ihm sein „Shining“.

Als er dann endlich einen  Ort gefunden hat, um sesshaft zu werden, in einem Hospiz seine Gabe mit Liebe nutzen kann und zudem Hilfe beim Kampf gegen den unglaublichen Drang nach „einem Schluck“ gefunden hat, könnte das Leben in ruhigere Bahnen kommen.

 

Wenn da nicht der „wahre Knoten“ wäre.

Nur dem äußeren Anschein nach noch menschliche Wesen. „Sauger“, die das „Shining“ von Kindern („Steam“) als Nahrung für ihre Langlebigkeit benötigen.

 

Und da gibt es Abra. Die schon als Kind ein enormes „Shining“ entfaltet und die, als sie ein Teenager wird, in den Blick des „wahren Knotens“ gerät.  Dans unsichtbarer Freund Tony aus Overlook Tagen öffnet eine Verbindung zwischen Dan und Abra. Eine Verbindung, die sich dem fast übermächtigen Gegner nun stellen muss.

Ein Erleben, bei dem Dan an die Grenzens einer Kraft gerät und seine gut gehütete verschlossene „innere Truhe“ wieder öffnen werden muss, um sich auch den Geistern seiner Vergangenheit zu stellen.

 

In „klassischer King“ Weise erzählt Stehen King diese überzeugende Fortsetzug von „Shining“, die viel von der Atmosphäre des alten Werkes aufnimmt. In der er Überleitungen schafft von einem Leben zum anderen, in der er den Leser intensiv und in ruhiger Erzählweise in seine Figuren mit hinein nimmt, die „Guten“ (die auch ihre Dämonen in sich tragen) wie „die Bösen“ (die auch noch Reste des alten, guten „Menschseins“ in sich tragen).

 

Ortschaften, Landschaften, Lebensweisen, Familienverbindungen und Lebensgeschichten verbindet King mit den existenziellen Dingen des Lebens.

Angst. Liebe. Mut.

Der schwere Weg junger Menschen, sich selbst zu finden. Der ebenso schwere Weg älterer Menschen, sich zu bewahren und sich, späterhin, in Frieden loslassen zu können.

Die ständig nur „einen Hauch entfernte“ Bedrohung der brüchigen Welt, die man viel zu oberflächlich als „gesicherten Alltag“ empfindet.

 

Wie kaum einem anderen gelingt es King immer wieder die Brüchigkeit des Lebens vor Augen zu führen. Die Bedrohung durch „Mächte“, die King in seinen Büchern zwar „extern“ anlegt (Sauger, Verfolger, Geisterleute), die aber doch nichts anderes sind als die inneren Dämonen von Menschen, die „ihr Rad gedreht haben“. Die ihrer Prägung und ihrer Geschichte ausgeliefert zu sein scheinen. Und doch Wege finden können. Für die es immer wieder großen Mut braucht. Gegen sich selbst anzutreten und standhaft zu bleiben.

 

Der eigene Alkoholismus, die Vereinigung der anonymen Alkoholiker, das eigene Kettenrauchen, die eigenen Kämpfe um Balance mit der Familie, vieles von dem, was auch Kings eigenes Leben belastet hat, findet sich in seinen Figuren gerade auch in diesem Buch.

 

Von Dan Torrance zurück zu Jack Torrance, von Billy Freeman hin zu Abra mit ihrem unverbrauchten Mut (in aller Angst), hin zu der „Hexe mit dem einen Zahn“, die nur ihrem Stolz und ihrer Gier lebt.

 

Gerade weil King die Essenz der Figuren so gut in Geschichten zu fassen weiß und immer wieder Momente des emotionalen Erlebens für den Leser schafft, versinkt man tief auch in diesen neuen Roman und das Universum des Dan Torrance (und des Stephen King). Bis hin zum breit gezogenen Finale.

 

M.Lehmann-Pape 2013