Heyne 2015
Heyne 2015

Stephen King - Finderlohn

 

Breit erzählt

 

Da ist sie wieder. Diese Menschenmasse vor dem „City Center“. Die sich schon im Lauf der Nacht ansammelt. „1000 Jobs“, das ist klar, die werden nicht reichen bei den vielen Arbeitssuchenden.

 

Wer „Mercedes“ gelesen hat, weiß auch, dass sie gar nicht reichen müssen, denn dieser Mercedes mit laufendem Motor am Rande des Geländes wird für eine ganz andere Art der „Beschäftigung“ sorgen.

 

Und die beiden Männer, Freunde, Tom Sauber und sein Freund Todd, die sind ebenfalls nicht ganz unbekannt. Denn in „Mercedes“ wurden sie am Rande erwähnt. Kurz bevor der Mercedes sich seinen Weg durch die Menschenmenge fräste.

 

Eine Linie, die King nun in diesem neuen Roman aufgreift und sich an die Spuren Tom Saubers und seiner Familie heftet. Denen es noch lange nicht gut gehen wird. Die Folgen des Attentats für Toms Gesundheit, der schwierige Job Markt, die Spannungen in der Ehe, Jahre gehen ins Land. Jahre, in denen die Kinder Toms größer werden und sein Sohn Pete Tag und Nacht überlegt, wie er seinen Eltern helfen kann.

 

Bis er einen Schatz findet. In einem altem, vergrabenen Koffer. Bargeld und über 150 Notizbücher. Er wird zum Heimlichen Wohltäter seiner Familie, aber der Barbetrag ist begrenzt und um seiner Schwester zu helfen, dass College bezahlen zu können, fasst Pete einen Plan, was die Notizbücher angeht. Hinterlassenschaft eines angesehen Autors, der seit Jahrzehnten nicht mehr veröffentlicht hatte, bevor er ermordet wurde.

 

Literarisches Gold ist es, das Pete in den Händen hält. Aber er hat die Rechnung ohne den ursprünglichen Dieb von Geld und Notizbüchern (und Mörder des Schriftstellers) gemacht, denn dieser kommt nach Jahrzehnten aus dem Gefängnis frei (ein dummer Zufall eher, der mit dem Verbrechen an jenem Autor nichts zu tun hatte).

 

Ein Mann, der fanatisch in der literarischen Welt des Autors lebt, der sich mit dessen wichtigster Figur identifiziert, der den Mann wegen seines literarischen Schaffens letztendlich getötet hat (und vielfach nutzt King gerade diese Szenen im Buch als allegorische Schilderungen der „Lebendigkeit von Literatur“, der Wichtigkeit von Geschichten).

 

Und natürlich wird sich so ein Mann nicht von einem pubertierenden Jungen um seinen inneren Finderlohn bringen lassen. Er nimmt die Spur des „gestohlenen Diebesgutes“ auf, ob mit Beil oder mit der Pistole, nichts darf sich ihm ungeschoren in den Weg stellen.

 

„Er war tatsächlich ein Liebhaber. Seine Liebe war echt“. Aber nicht echt genug, dem anderen zu verzeihen, es anders zu denken und, vor allem zu schreiben, als Morris es gefällt.

 

Da ist es gut, dass der Ermittler aus „Mercedes“, Bill Hodges, schlank, gesundet und fit, von Petes Schwester eingeschaltet wird.

 

Immer noch glimmt der Funke bei King, auch wenn „die andere Seite“, die so oft für Grusel und das leibhaftige Böse gesorgt hat, in diesem Werk kaum noch eine Rolle spielt (zumindest nicht b ei den Hauptfiguren dieser Geschichte, nur kurz tritt die „außerordentliche Existenz des Bösen“ am Ende des Buches in den Raum.

 

Auch Morris Bellamy, trotz seiner Brutalität und des Gemetzels, dass er hier und da anrichtet (und das King wie immer mit Genuss farbenfroh und äußerst plastisch zu schildern versteht) ist nicht einfach irgendetwas tumbes Böses (auch das, aber eben nicht nur), sondern wird von King mehr und mehr in der Tiefe ergründet. In der Macht der Literatur, diesen Mann ganz gefangen nehmen wird.

 

Wie Kind seinen empathischen Blick für seine Figuren weiterhin aufzeigt und diese immer wieder emotional nahe und präzise fassbar zu zeichnen versteht.

 

Motive, die nicht unbedingt unbekannt sind bei Stephen King, eine fließende Erzählweise, die immer souveräner im Raume steht, eine Geschichte aber, die nicht unbedingt von Anfang bis Ende fesselt und doch einige Längen auch aufweist. Die zum Finale hin aber das Tempo deutlich anzieht, für einige Schreckensmomente  sorgt, dem Feuer wieder einmal eine vernichtende Rolle einräumt und, ganz am Ende, Fast eine Art Hinweis auf eine mögliche Fortsetzung eröffnet.

 

Eine, wie immer und immer noch empfehlenswerte Lektüre mit dennoch einigen Schwächen in den teils zu großen Zufälligkeiten der Zusammenhänge.


M.Lehmann-Pape 2015