Heyne 2013
Heyne 2013

Stephen King – Joyland

 

Mutiges Erwachsen Werden

 

Anders als zumeist gewohnt führt Stephen King in dieser einfach und klar erzählten Geschichte seinen „Tanz mit dem Grusel“ auf.

Ja, es gibt Geister, auch in diesem Roman. Diese aber bieten nicht das gewohnte, düstere  Bedrohungspotential, welches King oft schon der „anderen Seite der Wirklichkeit“ zugewiesen hat.

Eher „im Guten“ werden Hellsichtigkeit, wird die ein oder andere Geistererscheinung ihren Weg im Buch nehmen. Gegen „das Böse“, das sich diesmal hinter der Maske des „jovialen Guten“ lange Zeit erfolgreich verbergen wird.

 

Wir schreiben den Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts, eine Zeit der Freiheit, des Erprobens, wo weder Lagerfeuer am Strand unter Verbot stehen noch Sicherheitsgurte Menschen gezwungenermaßen im Auto in Position bringen. Eine „gute alte Zeit“, so spürt man Kings melancholischen Blick zurück auf jene Jahre „freieren Lebens“. Eine Atmosphäre von Frische und von „Beginn“, die King hier ebenfalls durch seine Protagonisten ausdrückt. 21 Jahre alt zwar schon, aber noch sehr, sehr grün hinter den Ohren.

 

Der Student Devin Jones nimmt einen Saisonjob in „Joyland“ an, einem Vergnügungspark von mittlerer Größe. „Mädchen für alles“. Bald aber schon wird Devin jener sein, der vorrangig „das Fell trägt“. In die Rolle des Hundemaskottchens schlüpft und dabei nicht nur Kinder beglückt, sondern auch Leben retten wird.

 

Auf einem Gelände, auf dem ein Mord geschehen ist vor Jahren bereits. Brutal in der Geisterbahn. Wobei das ermordete Mädchen dort immer noch spuken soll. Mit Grund, wie sich Devin denkt. Der sich allerdings zunächst um solche Geschichten nicht kümmern, so stark ist sein Liebeskummer. Abserviert wurde er. Kalt und ohne Chance, sich zu wehren.

 

Doch als sich die Saison zum Ende neigt, wird Devin Unerwartetes tun. Er verlängert seinen Vertrag und lässt sich fest anstellen. In dieser rauen Welt der Schausteller, die King einfühlsam und mit spürbarer Freude im Buch atmosphärisch gestaltet.

Devin spürt, er hat noch etwas Wichtiges dort zu erledigen, In der Geisterbahn, rund um den damaligen Mord. Und wird feststellen, dass noch eine andere Aufgabe auf ihn wartet, was diesen kleinen Jungen angeht, in diesem Strandhaus. In diesem Rollstuhl. Mit dieser kühlen Mutter (die „Eiskönigin“, wie sie von den Anwohnern genannt wird).

 

Wunderbar trifft King, wie immer, den „Ton der Zeit“ und lässt den Leser in diesem Roman ganz in Ruhe und unaufgeregt eintauchen in „goldene Jahre“ einer äußerlich wie innerlich frei scheinenden Welt. Schritt für Schritt entwickelt er seine Hauptfigur vom „Liebeskummer-Jammerlappen“ zu einem ernsthafte und verantwortlichen jungen Mann.

 

Weniger Gefahr, Schock oder Horror sind dabei die Elemente, die diesen Roman tragen, sondern die ruhige, fast klassische Erzählweise, das Zusammentragen der Indizien um den geschehenen Mord und dessen langsame Aufklärung. Und ebenfalls sind es die stabiler werdenden, tiefen Gefühle, die im Verlauf der Geschichte bei den handelnden Personen auf den Punkt getroffen von King erlebbar gestaltet werden.

 

Die Liebe einer Mutter, die umwogen ist von der Angst und Dunkelheit des Todes. Die Lösung von „ungesunden“ Verliebtheiten, hin zu der Möglichkeit, tragfähige Bindungen ganz anderer Art zu leben. Vermischt mit den „Zeichen der Zeit“, dem Kampf des Parks gegen den Ruin, mithin in der Bildsprache Kings den nicht zu gewinnenden Kampf kindlicher Träume und Wunderwelten gegen die kühle Welt der Moderne.

 

Eine gute Geschichte mit Hand und Fuß, die King hier in ruhiger Art und „genau richtig“ erzählt. Mit der Würze eines Mordes, der passenden Melange aus all dem, was „über die Welt“ hinausweist und tiefen, ruhigen Gefühlen, die gerade aufgrund der unaufgeregten „Nicht-Ekstase“ ihre Wirkung zeigen.

 

M.Lehmann-Pape 2013