Heyne 2016
Heyne 2016

Sylvain Neuvel – Giants

 

Psychologisch raffinierter Science-Fiction Thriller

 

„Als ich das Ende des Hanges erreichte, verschwand der Boden unter meinen Füßen“.

 

Rose Fanklin wird dieser Vorfall nicht loslassen, denn das Loch, in das sie fällt, ist nicht natürlichen Ursprungs. Eine riesige Roboterhand kommt am Boden des Lochs zum Vorschein und Rose wird über ein Jahrzehnt später als Spitzenwissenschaftlerin nicht nur diese Hand erforschen dürfen, sondern sich auf die Suche und den Weg dahin machen, zu prüfen, ob auch die restlichen Teile der Maschine gefunden werden können.

 

Immer deutlicher wird dabei werden, dass zum einen zwischen der handverlesenen Schar von Mitarbeitern (die von einem ominösen Mann ausgewählt werden, der das Projekt leitet) Spannungen und Reibungen Schritt für Schritt, dann aber gewaltig explodieren werden und, zum anderen, die Maschine selbst in sich im übertragenen Sinne gewaltigen Sprengstoff für das Denken der Menschen trägt (wobei auch im wörtlichen Sinne der Roboter einiges an Sprengkraft entfaltet).

 

Eifersucht, Liebe, Mordversuche, Kompetenzgerangel, hintergründige Strategien jenes ominösen Leiters des Projektes, ein weltweiter Aufschrei, eine heimliche Arbeit, gekonnt führt Neuvel den Leser in immer neue Entwicklungen, die tiefer und tiefer in die Materie und das Geheimnis um die Maschine einführen.

 

Und die vor allem in der sorgfältigen, hintergründigen und ebenfalls eher indirekten Darlegung der Innerlichkeit der Personen den Leser mit hinein in die Psyche der Protagonisten nimmt. Dies ist eine der großen Stärken des Buches, das Neuvel es versteht, die Personen der Handlung so unaufdringlich durch ihre Reaktionsweisen emotional beim Leser zu verankern.

 

Und dies in einer ganz anders als gewohnten äußeren Form. Die zunächst es dem Leser nicht einfach macht, in das Geschehen einzusteigen, mit der Zeit aber gerade in dieser indirekten Erzählweise durch den ständigen Wechsel von Perspektiven nicht mehr loslässt.

 

In Form von Aktenvermerken, aufgezeichnetem Funkverkehr, Tagebucheintragungen, in Akten niedergelegten Telefongesprächen, kaum einmal direkt in der Gegenwart handelnd, bietet Neuvel dem Leser ein hochgradig komplexes Puzzle aus vielen einzelnen Teilen, die sich erst im Lauf der Zeit zusammensetzen, in denen Erzähllinien sich verdichten und doch noch voneinander ein stückweit auch getrennt bleiben und in denen das „Projekt“ einen mehrfachen Wandel durchläuft.

 

Bis hin zum überraschenden und eher offen gehaltenen Ende, in der die Lage einerseits ziemlich verfahren bereits scheint und auf der anderen Seite ganz neue Entwicklungen angedeutet werden.

 

Eine Geschichte in Inhalt, Form und Stil mit Sogwirkung, welche dringend auf die Veröffentlichung des zweiten Teils und damit der Fortführung der Ereignisse wartet.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016