Hoffmann und Campe 2010
Hoffmann und Campe 2010

 

Sylvia Madsack – Tausend Augen hat die Nacht

 

Stanislaw zum Zweiten

 

Nach „Melodie der Nacht“ legt Sylvia Madsack nun den zweiten Teil ihrer Vampirsage um den charismatischen Grafen Stanislaw vor. Wie im ersten Buch sorgt eine ausgeklügelte Mischung zwischen klassischem Vampirroman und Kriminalroman für anregende und kurzweilige Unterhaltung, bei der das besondere Augenmerk der Autorin einer dichten und facettenreichen Darstellung der handelnden Charaktere gilt.

 

Nach den aufsehen erregenden Ereignissen in Zürich des ersten Teils weicht Stanislaw nach Marbella aus. Das exzessive Nachtleben des Ortes kommt seiner immer noch vorhanden Scheu vor dem Sonnenlicht entgegen, in Zürich war ein anonymes Leben des alten und starken Vampirs nicht mehr möglich und zu guter Letzt hatte er seiner Liebe in Zürich entsagt, wohl wissend um seine Natur und darum, dass er nicht auf Dauer die Nähe der Geliebten genießen und zugleich seinen Blutdurst wirklich auf Dauer hätte beherrschen können.

 

In Marbella fühlt er sich sicher, nur der Nachtclubbesitzer Kyrill lebt dort als Vampir von einiger Kraft, nichts aber im Vergleich zur geschulten Stärke, die Stanislaw eigen ist. Umgeben von einigen seiner geliebten Oldtimer und von seinem Hund, den er alsbald zu sich kommen lässt, führt Stanislaw ein zurück gezogenes Leben. Seinen Versuch, dem Blut lebender Menschen zu entsagen verfolgt er nicht mehr mit allerletzter Konsequenz, bereits zu Beginn wird eine junge Angestellte des Nachtclubs von Kyrill sein Opfer.

 

Aber nicht lange währt die Ruhe in seinem Leben. Daphne, seine Geliebte, erfährt durch ihre Hartnäckigkeit seinen Aufenthaltsort und reist nach Spanien. Kampflos will sie ihre Liebe nicht aufgeben. Kyrill entpuppt sich, hinter der freundlichen, fast servilen Fassade, als gnadenloser Vampir, der gar nicht einsieht, gegenüber Stansilaw als dem älteren und stärkeren zurückzustecken.

Zum Handeln wird Stanislaw gezwungen, als Daphne zischen die Fronten gerät und Kyrill den offenen Kampf ausruft. Als er vor die Wahl gestellt wird, Daphne sterben zu lassen oder sie durch sein Blut zu retten, findet das Buch zu einem furiosen Finale, in dem die Vielschichtigkeit der Personen des Romans deutlich zum tragen kommt.

 

Mit flüssigem Stil und genauer Beobachtungsgabe gestaltet Sylvia Madsack ihre zweite Geschichte um den Grafen Stanislaw. Mit Intensität gelingt es ihr, ihrem Protagonisten eine ganz eigene Persönlichkeit zu verleihen. Nicht so heldenhaft, jugendlich und ungestüm wie Lestat, nicht steif und düster bedrohlich wie Dracula findet sich in Stanislaw ein gereifter Mann mit Haltung und Sehnsucht, in dem dennoch, hinter aller Zivilisiertheit, eine grausamer Funke glimmt. Wenn seine vampirische Natur in den Vordergrund drängt, kennt er keine Gnade. Nur die Liebe bringt ihn mehr und mehr dazu, andere Wege zu suchen.

 

Sylvia Madsack erfindet den Vampirroman im Blick auf den Grafen Stanislaw nicht neu, wie Anne Rice es zu Zeiten mit ihrem Lestat gelungen ist, dennoch aber setzt sie eine ganz eigene Nuance in das Genre und bietet durchaus anregende Unterhaltung mit einigem Tiefgang in der Zeichnung der Protagonisten.

 

M.Lehmann-Pape 2010