Klett-Cotta 2013
Klett-Cotta 2013

Tad Williams – Die dunklen Gassen des Himmels

 

Was für ein Engel.........!

 

Trocken, ironisch, cool, mit Wortwitz und Hintersinn, so erzählt Tad Williams den Auftakt zu einer neuen Reihe des Autors über den Engel Bobby Dollar. Der natürlich offiziell „Doloriel“ heißt, aber wer schert sich schon als „Verteidiger-Engel“ mit immer mal wieder neuem, menschlichem Körper im Großraum San Francisco um solch offiziellen Kleinkram. Außer, man wird vor seinen direkten Chef, oder, noch schlimmer, vor den Rat der Engel gerufen.

 

Der Job ist eigentlich klar umrissen. Die weltweite Gruppe von Verteidiger-Engeln wird jeweils zu Todesfällen gerufen und versucht alles, was legal und möglich ist, die Seele für den Himmel zu retten. Auf der anderen Seite findet sich der „Ankläger“ der Hölle, der dem „Richter“ gegenüber ziemlich klar zu machen gedenkt, was der einzelne Verstorbene alles an Dreck am Hacken hat, damit er umgehend nach „ganz untern“ verfrachtet wird.

 

Zumindest aber das Fegefeuer sollte möglich sein, finden die Verteidigerengel, unter ihnen auch Bobby Dollar, und ringen um jede Seele so gut es geht.

 

Leger, respektlos, aber ohne flach zu werden, assoziativ einerseits, was den Himmel die Wesen dort angeht, klar und präzise, was die „Geschichte auf Erden“ angeht, das ist der Stil, in dem Tad Williams von Beginn an bestens unterhält und mit dem er nicht nur für eine wunderbare Situationskomik sorgt, sondern auch für beste Spannung.

 

Denn eines Tages finden sich zwar alle notwendigen Beteiligten himmlischer- und höllenseits bei einem Todesfall ein, aber erstmalig erscheint die Seele des Verstorbenen nicht.

Aufruhr ist die Folge, hektische Betriebsamkeit. Die sich hoch steigert, als zudem noch der bestellte Ankläger der Hölle brutal gefoltert und dauerhaft „vernichtet“ wird.

 

Bobby Dollar merkt schnell, dass sich nun alle Kräfte und Mächte an seine Fersen heften. Irgendetwas Wichtiges wird vermisst. Ein Gegenstand, von dem keiner so genau weiß, was er ist (und die es wissen, sagen es nicht), der aber im Besitz Bobbys vermutet wird. Nur dass der auch nicht weiß, worum es geht. Ziemlich schnell aber merkt, dass härteste Dämonen losgelassen werden, um ihm die Eingeweide nach außen zu kehren.

 

„Man muss ihr zugute halten, dass sie erst gar nicht anfing, zu diskutieren...... sondern sich direkt über den Schreibtisch auf mich stürzte, fauchend und krallend wie ein Ozelot auf Meth“.

 

Doch Bobby Dollar wäre nicht Bobby Dollar, würde er nicht die Nase tief hineinstecken in all das, von dem andere meinen, dass es ihn nichts angeht.

 

Unterstützt von lavendelsüchtigen Spukgeistern im Fegefeuer, von seinem besten „Engel-Freund“, der schon zwei Körper durch Alkohol verschlissen hat, von seiner ehemaligen Geliebten, die immer noch mehr von ihm will bis hin zur kühlen Gräfin der Hölle.

 

Überall sind sie anzutreffen, die Abgesandten der himmlischen und höllischen Heerscharen in menschlicher Gestalt und das macht es schwer, herauszufinden, was denn wirklich hinter all dem steckt.

 

Dollar aber lässt nicht locker. Auf seine Art.

„Zynisch, höre ich sie sagen. Kein Vertrauen. Schlechter Engel! Aber, wie gesagt, Gott muss mich so gewollt haben – oder es interessiert ihn einen Scheiß“!

Was sich herausstellen wird.

 

Ein überbordendes, trockenes, sprachlich mitreißendes Lesevergnügen mit Pfiff, respektvoller Blasphemie und Spannung.

 

M.Lehmann-Pape 2013