Klett-Cotta 2014
Klett-Cotta 2014

Tad Williams – Happy Hour in der Hölle

 

Neues von der unterhaltsamen Engeslfront

 

 

Durchaus findet sich in diesem zweiten Roman um den „Anwaltsengel“ Bobby Dollar zwar ein ganz anderes Szenario wieder, dies führt allerdings nicht unbedingt zu einer wirklichen „Neuerung“, was das Grundkonzept vor allem des Umganges mit Figuren bei Tad Williams angeht.

 

War der erste Roman um den sensiblen, ironischen, zynischen, toughen aber auch weihherzigen Engel Bobby Dollar noch erfrischend neu gerade in seinem „metropolischen Umfeld“ in „San Judas“, der Stadt der Schutz-Anwalts oder auch gefallenen Engel mit ihrem direkten Kontakt zum Himmel (und den Erzengeln) sowie der Gefährdung durch die andere Seite (die Hölle und ihre Dämonen), so setzt Williams nun über weite Strecken des neuen Romans ein eher reines Fantasy-Setting als Schauplatz, die Hölle selbst, bei unverändert ironisch-zynischer Erzählweise.

 

Bobby Dollar sucht seine Liebe, die Eigentum des  Höllenfürsten Eligor ist und von diesem „in die Heimat“ mitgenommen wurde.

Da trifft es sich gut, dass einer der Erzengel eine Botschaft für einen Höllenbewohner hat, Bobby mit einem Dämonenkörper ausrüstet und dem liebeskranken Engel den Weg zu einem vergessenen Eingang (dem „Nero-Tor“) weist. (Und ja, auch Nero wird auf einer der Ebenen der Hölle anzutreffen sein.)

 

Weiterhin wie gewohnt bietet Williams, neben den überzeichneten Figuren, vor allem viel Action, unterbrochen von reflektierenden Einheiten. Ein Gemisch, an dem man sich allerdings auch an manchen Stellen im Buch (zu) satt zu lesen vermag.

 

Wenn da in trauter „Therapierunde“ verlorene Seelen ihr „Bekenntnis“ ablegen, kann man ruhig auch einmal ein paar Seiten überschlagen, wie auch manch andere Sequenz dem Leser letztlich nicht unbekannt vorkommt aus vielfachen Horror-Filmen oder Büchern anderer Autoren (der explodierende Dämonenpalast), neben den durchaus kreativen Gestalten, die Williams originär und originell ins Rennen schickt.

 

„Ja, es gibt Kamine in der Hölle. Manche benutzen Sie in der infernalischen Hitze als Klimaanlage“.

So kämpft sich Bobby Dollar durch Hitze, Dreck und verwachsene Gestalten, denen das Leiden in vielfachen Formen auferlegt ist.

 

Und so begleitet der Leser, durchaus sprachlich weitgehend cool und flüssig durch Williams unterhalten, Bobby auf seinen diversen Wegen und Begegnungen auf den verschiedenen Ebenen der Hölle mit krassen Momenten (seine Vergewaltigung durch Geschlechtsorgane, die hier lieber nicht allzu klar beschrieben werden sollen („Das obszöne Ding zwische ihren Beinen kaute an mir“)), mit langatmigen Momenten (der Weg durch die erste Ebene der Hölle), mit Kämpfen, Gegnern, Verbündeten in einem surreal wirkenden geographischen Rahmen, der zwar viel ekliges bereit hält, eher aber an heruntergekommene Slums erinnert als an eine Form der „religiösen Hölle“.

 

Bis am Ende des Romans auch gemischte Gefühle verbleiben.

 

Locker, leger, ironisch, cool auf der einen Seite sowohl in Sprache, Stil und der (fast alleinigen) Hauptfigur Bobby Dollar, überbordend und teils nicht wirklich überzeugend oder mitreißend in der „Aufgabe“ und der Schilderung der Hölle selbst.

 

 

Das da einer wie Orpheus seine Liebe aus der Hölle entreißen will, ist letztendlich auch nicht unbedingt neu als Motiv, wohl aber, wie im ersten Roman, sehr unterhaltsam, bildkräftig und in Teilen spannend erzählt. Mit vielen Verweisen auf den ersten Teil der Reihe und einem roten Faden (die Feder), den Williams auch durch diesen zweiten Roman hindurch hintergründig immer wieder aufnimmt.

 

M.Lehmann-Pape 2014