Heyne 2011
Heyne 2011

Tara Hudson – Wenn Du mich siehst

 

Geliebter Geist

 

„Dieser Junge darf nicht sterben. Ich konnte nicht mit ansehen, wie er starb. Nicht hier, nicht so“. Und sofort macht sich Amelia auf, den Jungen zu retten. Dumm nur, dass sie gar keinen kompakten Körper besitzt, der nach dem im Fluss untergehenden Jungen greifen könnte. Denn Amelia selber ist in dieser Fluss gestorben. Lange zuvor.

Bildhaft eindrucksvoll beschreibt Tara Hudson diese „Rettungsszene“, eine der Schlüsselszenen zu Beginn des Buches. Denn gerettet wird Joshua, der junge Mann, durchaus. Nicht von Amelia, aber während des drohenden Ertrinkens nimmt er Amelia wahr und kann sie auch, wieder zurück im echten Leben, weiterhin wahrnehmen. Denn er selbst stand an der Schwelle des Todes, hatte diese wohl auch für einige Augenblicke  bereits überschritten,

 

Das dramatische Kennenlernen der beiden bleibt nicht ohne Folgen. Nicht nur macht es Amelia in ihrem Empfinden ein stückweit „lebendig“, dass Joshua sie sieht und hört, Joshua selbst hat eine unwiderstehliche Wirkung auf Amelia und auch er selbst bleibt nicht unbeeindruckt. Ein fantastische, zarte Liebesgeschichte könnte ihren Anfang nehmen, aber hätte diese überhaupt eine Chance? Zwischen einem quicklebendigem jungen Mann und einer toten 18jährigen? Einer toten 18jährigen, die so gut wie gar keine Erinnerungen mehr an ihr ehemaliges Leben und die Ursachen Ihres Todes in sich trägt?

 

Ohne Rührseligkeit oder Kitsch, teils eher burschikos und wie mitten aus dem Leben führt Tara Hudson ihr ungewöhnliches Sujet fort. In klarer Sprache und mit der Möglichkeit versehen, an entscheidenden Stellen eine dichte Atmosphäre herzustellen (was sich schon auf den ersten Seiten andeutet, in denen Hudson die plastischen, immer wieder kehrenden Albträume der toten Amelia hervorragend in Szene zu setzen weiß) macht es Tara Hudson dem Leser einfach, sich mitten hinein in die Geschichte ziehen zu lassen.

 

Gerade auch, weil sie nicht unbedingt vorhersehbar ihre Geschichte weiterführt. Neben die Fragen nach einer möglichen Verbindung zwischen den beiden Protagonisten treten Gefährdungen, denn auch Figuren, die nicht unbedingt  das Beste für die beiden im Sinn haben, treten hinzu. Besonders zu erwähnen (doch einwenig konstruiert, aber im Fluss der Geschichte passend eingebettet), ist Joshuas Großmutter zu erwähnen, die sich die „Geisterjagd“ zum Hobby gemacht hat. Vorsicht ist also geboten auf Seiten Amelias, denn auch aus dem Geisterreich erwachsen ihr noch Gefährdungen ob ihrer Liebe zu einem sterblichen Jungen. Zudem entwickelt sich auch eine Spurensuche nach Amelias Vergangenheit, die sich organisch in den Rest der Abläufe einpasst und zusätzlich den Leser motivieren, dem Buch weiter zu folgen, allein schon um zu wissen, was denn in jenem ominösen „Damals“ geschehen ist,

 

Ereignisse, welche die beiden Hauptfiguren enger und enger zueinander bringen, gemeinsam überstandene Gefahren, die Hudson durchaus spannend im Buch zu gestalten versteht. Sicherlich finden sich, gerade in der Liebesgeschichte, Plattitüden. Einige Längen bleiben auf den 350 Seiten des Buches etwa nach der Hälfte auch nicht aus. Dennoch bildet „Wenn Du mich siehst“ ein gelungenes Debüt und eine anregende Lektüre mit einer durchaus interessanten Grundkonstellation, welche Tara Hudson sprachlich flüssig und dicht umzusetzen versteht.

 

M.Lehmann-Pape 2011