Goldmann 2012
Goldmann 2012

Trevor Shane – Paranoia

 

Sie sind überall. Und gefährlich.

 

In dieser Geschichte von Trevor Shane ist es für die Protagonisten eine sehr gute Sache, ein wenig paranoid zu sein. Denn jeder, wirklich jeder, kann der Gegner sein. Der unversöhnlich tötet. Der Milchmann, der Barkeeper, der Taxifahrer, der Passant. Es sind allerkleinste Zeichen nur, an denen einer wie Joseph, geschult wie er ist, die Gefahr zu erkennen vermag.

 

Zwei Parteien leben auf dieser Welt. Überall. Hinter der Fassade des normalen Lebens, gut versteckt als Zivilisten. Seit langem herrscht Krieg zwischen beiden Gruppen und Joseph ist ein „Aktiver“, ein Killer, der von seinem Führungsoffizier nur Name und Ort mitgeteilt bekommen muss, um loszuziehen und ein Leben „der anderen Seite“ auszulöschen. Natürlich glaubt Joseph, auf der „guten“ Seite zu stehen (was allerdings, wie sich herausstellen wird, die andere Seite ebenfalls von sich annimmt). Bedauerlicherweise, ein Abstrich am ansonsten spannenden und gut zu lesendem Buch, bietet Trevor Shane so gut wie keine Hintergrundinformationen über diese beiden Gruppen und die Ursachen ihres unversöhnlichen Krieges gegeneinander. Hervorragend allerdings versteht er es, den Leser mit hineinzunehmen in eine  Welt ständiger Bedrohung und ebenso ständiger unterschwelliger Gewalt. In der nur wenige Regeln gelten.

 

„Töte keinen Zivilisten“. „Unter 18jährige sind tabu“. „Bekommst Du ein Kind und bist noch nicht 18 Jahre alt, wird dieses Kind der Gegenseite ausgeliefert (und damit später zu einem Feind ausgebildet)“.

Woher diese Regeln kommen? Wer sie aufgestellt hat? Was sie sollen?

All das bleibt (leider) fast ganz im Dunkeln. Bildet aber den Angelpunkt des weiteren Verlaufs der Geschichte. Denn hier nun beginnen die Probleme des Joseph. In einer Phase, in der er sich verstecken muss, trifft er auf Maria. Verliebt sich. Mit Folgen.

 

„Ich hätte das nicht tun sollen. Das war unprofessionell. Es fühlte sich aber gut an“.

 

Und Maria ist erst 17 und nun schwanger. Nichts anderes verbleibt Joseph, als die Flucht zu wagen. Gejagt nun von den Seinen, für die ein Ausstieg nur mit dem Tod beantwortet werden kann. Und von den anderen, die an sich seinen Tod schon lange wünschen und nun, zudem, das Kind als das Ihrige ansehen. Eine Chance, wirklich davon zu kommen, wo soll die herkommen, wenn in aller Welt Angehörige der beiden verfeindeten Gruppen anonym und unerkannt die Augen offen halten, um Joseph und Maria zu finden.

 

„Ich möchte niemanden töten. Ich werde jetzt weglaufen.“, aber „Einen Plan hatte ich jetzt keinen mehr“.

 

Flucht, Kämpfe, Morde, Gewalt, die Trevor Shane durchaus bildreich und minutiös in den Abfolgen schildert. Eine Beiläufigkeit an Mord und Totschlag, die den Leser durchaus mehr und mehr gefangen nimmt. Dies alles in einer zugegebenermaßen überaus einfachen Sprache, die manches Mal das Hintergründige zu offenkundig ausdrückt und ebenso hier und da zu simple und einfache Bilder verwendet. Durchaus aber bietet das Buch eine andersartige, neue Grundidee und verfolgt seine Geschichte stringent, logisch und mit durchaus mit Spannung, die sich vor allem im letzten Kapitel des Buches noch einmal enorm verdichtet und das Buch trotz seiner eher einfachen Sprache und Struktur durchaus zu einer anregenden Lektüre der „anderen Art“ macht.

 

M.Lehmann-Pape 2012