Klett-Cotta 2016
Klett-Cotta 2016

William Gibson – Peripherie

 

Kreativ gestalteter Science-Fiction Thriller

 

„„Das hier“, sagte er, „ist nicht ihre Welt““.

„Was ist es dann? Ein Game?“

„Die Zukunft“.

 

Oder, besser gesagt, eine mögliche Zukunft. Noch besser gesagt, eine Zukunft, die für Flynne in ihrer Zeit (die ebenfalls bereits für den Leser einige Jahre in der Zukunft liegt) auf keinen Fall ihre Zukunft sein wird.

 

Denn wenn die Zukunft in die Gegenwart eingreift, verändert sie die Gegenwart und damit wird ein neuer Entwicklungsstrang in den Bereichen eines Multi-Versums aufgetan.

 

Dabei wollte Flynne nur ihrem Bruder, Kriegsveteran, helfen. Der nebenbei (und ohne Kenntnis des Veteranenamtes, was ihm umgehend die Rente kürzen würde) als Game-Tester arbeitet. Und Flynne hat nur ein, zwei Schichten übernommen. Denn auch das Geld für die Medikamente der Krebskranken Mutter will ja verdient werden.

 

Doch es ist kein Game. Und was Flynne beobachtet, als eine junge, schöne Frau getötet wird, hat hohe Bedeutung in der Zukunft, in der sie tätig war.

 

Eine Zukunft, die deutlich menschenleerer ist als gewohnt. Die nach einer Katastrophe, die man landläufig den “Jackpot“ nennt, sich neu organisiert hat. Technisch dabei auf höchstem Stand. Wobei Gibson über lange Zeit kaum mehr als ein paar nebensächliche Informationen zu dieser Welt in der Zukunft im Buch verstreut. Mit dem Effekt, dass der Leser beginnt, sich die Leerstellen in der eigenen Fantasie auszumalen und die gesamte Lektüre über grundlegend neugierig auf all das bleibt, was sich Schicht für Schicht an altvertrautem, aber auch an ganz fremdartigem an Lebensformen und Lebensstil auftun mag.

 

Wichtig dabei sind, vor allem, sogenannte „Periphels“. „Hüllen“, Puppen, aus 3D Druckern gestaltet mit einem Chip versehen, der Ihnen entweder einen Hauch von Leben über eine Cloud einhaucht, oder eben der diese Periphels zu möglichen Hüllen für die Nutzung durch Menschen macht. Menschen, die sich in ein Periphel einloggen und dieses damit als Körper benutzen können.

 

All das entfaltet sich Schicht für Schicht im Lauf der Lektüre, während Flynne und ihre Freunde engere Kontakte zu dieser möglichen Zukunft aufnehmen und dort die Beteiligten alles daransetzen, den Mord zu klären.

 

Während unbekannte Kräfte mit Vehemenz dagegen arbeiten, sogar in der Gegenwart Flyynes aus der Zukunft heraus Auftragsmörder anwerben, um die einzige Zeugin des Geschehens auszuschalten.

 

Gefahr droht bald von allen Seiten, undurchsichtige Charaktere geben das Ihre hinzu, um lange Zeit den Leser im Unklaren über die wahren Absichten und Strippen hinter all den Ereignissen zu lassen. Ob dieser Wilf mit seinem Alkoholproblem vielleicht doch mehr mit all dem zu tun hatte, als nur eine kurze Affäre mit der Schwester der Ermordeten erlebt zu haben? Ob Daedre, die noch lebende Schwester der Toten, mit ihrem tödlichen Besuch bei einer merkwürdigen Gruppe von Kannibalen etwas ausgelöst hat, was weite Kreise zieht?

 

Oder sind vielleicht sogar in der heruntergekommenen Welt von Flynne Ursachen für all das zu suchen?

 

Spannend, in der Beschreibung und inneren Gestaltung der futuristischen Welten packend realistisch und in der Bedrohung der Beteiligten und der Aufklärung des Falles mit vielen überraschenden Wendungen, Gibson erzählt lebendig, bildkräftig und sehr, sehr unterhaltsam.

 

 

Ein sehr empfehlenswerter Thriller der anderen Art.

 

M.Lehmann-Pape 2016